[Brainwave] Pass bloß auf, Mädchen!

Figur- und Gesundheitsbezogene:
Pass bloß auf, dass du dir deinen Stoffwechsel nicht kaputt machst/in den Hungerstoffwechsel kommst /dem Jojo-Effekt anheim fällst.
Wo willst du denn noch hin? Von dir ist ja gar nichts mehr da. Dass du bloß nicht vom Fleisch fällst.
Du willst noch mehr abnehmen? Unter 80 Kg? Übertreibe es nicht, es reicht doch! Sei doch endlich einmal glücklich damit, was zu bisher erreicht hast!
Du steckst dir doch den Finger in den Hals!
So langsam wir das zwanghaft bei dir, diese Fixierung aufs Sport/Essen/Kalorien/Gewicht!

Ernährungsbezogene:
Gönn dir doch mal was! Ob du heute oder morgen abnimmst/dein Zielgewicht erreichst, ist doch egal.
Sei vorsichtig, denn heute (mit 100 Kg) hast du nicht mehr die „Reserven“, die du noch mit 200 kg hattest!
Bald kannst du ja auch wieder „normal“ essen.
Wenn du so wenig isst und dann auch noch Low Carb, wo bleibt den da der Genuss/ die Lebensqualität?
Du musst gesund abnehmen und ausgewogen essen, nur so kannst du hinterher auch dein Gewicht halten.

Adipositas OP-bezogene:
Iss langsam, dann geht mehr rein.
Klar, dass du abgenommen hast, du hast ja auch eine Adipositas OP!
Abnehmen ist geht ja mit einer Adipositas OP, wie von selbst.

Mahlzeiten bezogene:
Nach 17 Uhr nichts mehr essen.
Abends keine Kohlenhydrate.
Morgens wie ein König, mittags wie ein Kaiser, Abends wie ein Bettelmann.
Eine warme Mahlzeit muss sein.
X (beliebige Zahl einsetzten) Mahlzeiten am Tag sind am besten.

Erziehungsmaßnahmen bezogene:
Iss deinen Teller leer, dann scheint die Sonne.
Du bleibst so lange hier sitzen bis dein Teller leer ist.
Iss was auf den Teller kommt.

Sport bezogene:
Naja, du machst ja auch viel Sport, das sind bestimmt alles Muskeln.
Lokale Fettverbrennung, durch lokale Übungen (Crunchs = Sixpack).
Cardio baut Muskeln auf.
Bloß keine schweren Gewichte/Krafttraining, sonst siehst du am Ende aus wie Schwarzenegger.

Pass auf Mädchen, dass du nicht Magersüchtig wirst!

Ich habe sie alle ungefragt, äußerst fleißig und ungefiltert weitergegeben. Und auch nachdem sie sich in den letzten zwei Jahren mehr und mehr als Unsinn herauskristallisiert haben, habe ich immer noch daran festgehalten. Manchen dieser tief in mir verankerten, so vertrauten Glaubenssätze, festsitzenden Vorurteile und (wenn ich ganz ehrlich bin) von Neid und Missgunst geprägten Statements geben ich auch heute noch meine unüberlegte Zustimmung – bis ich endlich mein Hirn einschalte und mich eines besseren besinne.

Und auch das kann ich nur, weil mich Dr. Nadja Hermann mit ihrem Fettlogik überwinden“ mit der Nase darauf gestoßen hat, da ich, dank der gnadenlosen Indoktrination, durch die ich im Laufe meiner Diätjahre gegangen bin, die Bäume vor lauter Wald nicht mehr sehen konnte. Dabei hatte ich aber noch Glück, denn wenn ich die einzelnen Puzzelteile nicht vielleicht schon selber gefunden hätte, hätte ich sie vielleicht nie richtig zusammensetzen können und das in „Fettlogik überwinden“ gelesene schlicht nicht geglaubt.

Jedes Mal wenn ich darüber nachdenke, was für einen Unsinn ich da geglaubt habe und welche Unterstellungen ich da, aus unbewusst wahrgenommenem Neid und Missgunst getrieben, ungefiltert weiter gegeben, entsetzt mich meine Dummheit.

Deswegen unterstelle ich auch denen, die mich heute, mit sinkendem Gewicht, mit diesen Aussagen konfrontieren, ebenfalls keine Mutwilligkeit. Denn vermutlich geht es auch ihnen nicht anders, sie unterliegen denselben Fettlogiken wie ich und geben diese Aussagen aus denselben Gründen weiter. Doch finde ich es, mit meinem neuen Wissen und meiner neuen Einstellung zu diesen Dingen, heute als höchst problematisch damit umzugehen.

Es wäre traumhaft, wenn ich darüber stehen könnte, auf Durchzug schalten, alles mit einer gewissen Sturheit durchstehen, aber leider macht es mich heute fast schon aggressiv, bis zu einem Punkt an dem ich nur noch rot sehen kann. Nicht gut, gar nicht gut. Was ich dringend brauche sind Strategien im Umgang mit Fettlogiken anderer, die ich auch einst angeführt habe, mittlerweile aber am Hinterfragen und am Auflösen bin.

Ich könnte mir natürlich für alle möglichen Aussagen entsprechende Antworten zurechtlegen, schließlich bin ich mit 90 Kg weder vom Untergewicht bedroht, noch bin ich krank und sicher bin ich sehr stolz auf das was ich bisher erreicht habe. Und übrigens, mein Normalgewicht liegt, je nach Rechenmethode, zwischen 60 und 85 Kg, da kann ich alles sein was ich will: dünn, schlank, gut gebaut oder ein wenig moppelig und wäre (nach allen gängigen Maßstäben) IMMER „gesund“ dabei.

Das Problem ist nur, wenn ich in die Verlegenheit komme mich gegen die Fettlogiken anderer verteidigen zu müssen, scheitere ich grandios. In der Defensive war ich noch nie gut. Kleines Beispiel gefällig?

In der Zeit meiner Reha-Maßnahme (nach der OP 2009 und der folgenden Lugenembolie) war ich alles andere als stabil, denn meine Gesundheit machte mir ebenso zu schaffen, wie meine Psyche. Es war also kein Wunder, dass man mich zu einem Termin bei der Psychologin der Klinik verdonnerte. Leider gefiel der Dame der Gedanke etwas zu gut, dass alle (labilen) erwachsenen Übergewichtigen – ich im besonderen – in der Kindheit (mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit) missbraucht wurden. Und jedes Wort das ich herausbrachte, mittlerweile völlig aufgelöst wegen der Anschuldigen gegen meine Familie, meinen Papa im besonderen, wandelte die Psychologin für sich in die Überzeugung ihrer Annahme. Es war ein Alptraum.

Um das ein für alle Mal festzuhalten: auch meine Eltern haben ihre Fehler, aber wer hat das nicht und ich hatte eine behütet, glückliche und zufriedene Kindheit.

Aber zurück zu den Mythen und (unbewusst) neidmotivierten Aussagen und meiner Reaktion darauf: vielleicht legt sich das alles auch wieder, wenn ich nicht mehr so voller Wut bin, darauf, dass mir solcher Mist solange angetragen wurde, ich ihn ungefragt geglaubt und ungefiltert weitergegeben habe. Oder wenn ich es schlicht müde geworden bin darauf zu reagieren und/oder sich alle an meine Veränderung gewöhnt haben? Vielleicht fällt ja auch eines Tages ein wenig selbstbewusste Schlagfertigkeit auf mich runter?

In einem Gastbeitrag auf Dr. Nadja Hermanns Fettlogik-Blog habe ich folgenden Aussage gefunden: „Wer sich auf den Weg macht, sich ändert, macht sich etliche Leute zum Feind.“ Weil da einer die richtige Antwort für sich gefunden hat, die sagt: „Ich schränke mich ein, weil mir etwas anderes wichtiger ist, als mein Genuss.“ Vielleicht ist das tatsächlich so und wenn ja, vielleicht sollte ich ein bisschen stolz darauf sein.

Wollen wir nur hoffen, dass ich in Zukunft mein Hirn einschalte, BEVOR ich vermeintliche Mythen von mir geben und in Zukunft wachen Verstandes bleibe, erst einmal etwas genauer darüber nachdenke, BEVOR ich mir eine Meinung mache.