Hast du abgenommen?

Wer sonnt sich nicht gerne einmal im Licht der Anerkennung (so trügerisch es auch sein mag)? Ist nicht gerne auch einmal der Star des Tages, weil er etwas vollbracht hat, dass in den Augen der anderen als applaudierenswerte Leistung gilt?

Ein Haus gebaut. Eine Familie gegründet. Ein erfolgreiches Unternehmen. Eine leitende Stellung im Beruf. Ein engagiert ausgelebtes Hobby. Es gibt so viele Leistungen, die einer Anerkennung wert sind, aber sollte „Gewichtsverlust“ wirklich dazu gehören?

Und wenn ja, warum widerstrebt es mir, die Anerkennung dafür auch anzunehmen?

Mir ist es nie gelungen abzunehmen, nur um dieses Gefühl erleben zu können (auch wenn ich es durchaus probiert habe, vor allem als ich noch sehr viel jünger und in diesem Punkt sehr viel sensibler war), trotzdem, bin auch ich natürlich sehr anfällig dafür (wenn mir eine Gewichtsabnahme gelungen ist) und bade darin.

Doch noch während ich das tue, bildet sich auch schon ein schlechter Geschmack auf meiner Zunge und in mir breitet sich eine Bitterkeit aus, die eigentlich unangebracht sein sollte. Zumal ich mir wirklich sicher bin, dass sie (in diesem Sinne mein Familienclan) es in diesem Moment tatsächlich von Herzen gut meinen und sich wirklich mit mir freuen.

Warum also hinterlässt diese Art Anerkennung, stets ein übles Gefühl in mir? Warum macht es mir so zu schaffen und lässt mich zugleich zögern und darauf freuen, an Familienclan-Feiern teil zu nehmen?

Mir war das alles nie so richtig bewusst, bis ich es in Maria Sanchez Buch „Hunger und Sehnsucht“ in beinahe exakt den Worten, die mich unbewusst schon so lange umtreiben, gelesen habe. Und allein die Tatsache, dass es anderen genauso geht/ging, wie einem selbst, lässt eine Art Aha-Erlebnis in einem aufblitzen.

Schaue ich auf die Geschichte der Frauen meiner Familie waren/sind Diäten, Diät halten und Abnehmen stets dominante Themen (da alle mehr oder weniger mit ihrem Gewicht zu kämpfen haben), die vielleicht nicht im offenen Gespräch der Kaffeetisch-Konversation, so doch trotzdem immer anwesend waren.

Die Regeln waren/sind einfach: Hatte man abgenommen avancierte man zum Star (des Tages), hatte man zugenommen, sprach man nicht darüber, während das Mitleid und das bedauernde Kopfnicken die Luft durchtränkte.

Und so scheint für mich, gerade diese, doch sehr oberflächlich Behandlung des Themas, ein Problem zu sein. Schließlich gibt es immer einen Grund dafür, dass man übergewichtig ist, bzw. wieder zugenommen hat (ich spreche hier nicht davon, dass man einfach so zu viel ißt) und der eigentlich hätte das Thema sein sollen, nicht irgendwelche – wahrscheinlich lediglich kurzfristigen – Erfolge.

Natürlich ist ein Austausch über Ernährungstipps immer hilfreich und kann wertvolle Informationen bieten, in meiner Selbsthilfegruppe machen wir nichts anderes. Doch im Gegensatz werden dort Abnehmerfolge nur sehr am Rande erwähnt, kurz gefeiert und wieder fallen gelassen, um sich dann wohltuend den viel wichtigeren Themen, die sich um Übergewicht bilden zu widmen.

Gerechterweise muss ich natürlich auch zugeben, dass eine turbulente Familienfeier nicht gerade der richtige Platz dafür ist, um echte Probleme wälzen, aber mangels anderer Gelegenheiten, präsentiert sich einem so eben leider immer nur diese eine Seite der Medaille.

Trotzdem weiß ich wirklich nicht, wie ich damit zu Recht kommen soll. Wie soll ich eine Waage schaffen, zwischen dem Begehren im Licht der Anerkennung zu baden und für den Wunsch, für die Dinge ernst genommen zu werden, die mir wirklich wichtig sind?

Soweit ich das verstanden habe, liegt die Lösung für die Autorin Maria Sanchez darin, zu lernen, in sich selbst zu Ruhen, sich seiner sicher zu sein und dadurch spielend dieser Art anstürmender Gefühle ein gesundes Bollwerk zu bieten.

Doch davon bin ich, meiner Meinung nach, jedoch noch ein ganzes Stück weit entfernt. Und keine Frage, am liebsten würde ich solchen Veranstaltungen fern bleiben, (im Moment gilt das wohl für alle sozialen Treffen mit Menschen, die mich vor 50 kg zum letzten Mal gesehen habe). Aber genau hier bietet sich nun mal die Gelegenheit für Übungen im Feld.

So besteht meine Strategie im Moment noch im Abwiegeln und Runterspielen, um mich vor dem Ansturm so gut es geht zu schützen, weswegen auch die letzte Familienfeier so unendlich anstrengend war und mir die Erschöpfung deswegen heute ordentlich Kopfschmerzen bereitet. Doch habe ich dennoch das Gefühl stolz auf mich sein zu können, wie gut ich mich geschlagen habe. Und das ist doch auch schon mal was!