Ileocoecal- und Ileozökalklappenresektion bei Morbus Crohn

Dies ist kein besonders unterhaltsames Thema, sondern höchst unangenehm und sehr peinlich obendrein. Aber es ist ein wichtiges Thema, weil es doch so manchen betrifft und es, wie ich glaube, einfach nicht genug persönliche Erfahrungsberichte und Informationen dazu geben kann.

Es gibt bestimmt kaum jemand, der in seinem Leben noch keine satte Magen- und Darmgrippe durchlitten hat, wo es oben und unten raus kommt, Bauch und Magen völlig verrückt spielen und man sich durch diese Tortur malad und erschöpft fühlt.

In der Regel macht man so was mal 2-3 Tage durch und fühlt sich eine weitere Woche krank, dann ist es jedoch überstanden. Wenn man sich einen solchen Zustand jedoch über Wochen, Monate, ja mehrere Jahre hinweg vorstellt, dann hat man vielleicht eine Ahnung davon, wie es mir Ende 2013 erging.

Sogar für mich, die schon ihr Leben lang mit (ungeklärten) Magen- und Darmprobleme lebt, Phasenweise starke Schmerzen und Durchfälle kennt, waren die vier Jahre Dauerdurchfall, die ich seit meiner Darm-OP Ende 2009 durchlitten habe, die Hölle.

Dabei war es noch nicht einmal der Nährstoffmangel – bei mir waren die Werte von Vitamin D3, B12 und Eisen Ende 2013 völlig im Keller – der mir in erster Linie zu schaffen gemacht hat, sondern die drängende und spontanen Durchfälle, die mich praktisch überall und zu jeder Zeit überfallen haben. So gewöhnte ich mir an, mich ausschließlich dort aufzuhalten, wo ich einen schnellen und direkten Zugang zu einer Toilette hatte und führte stets eine Handtasche im Baby-Wickeltaschen-Format mit mir, die Toilettenpapier, Desinfektionsmittel und Inkontinenzeinlagen, Binden, frische Unterwäsche und eine Ersatzhose beinhaltete.

Es dürfte kein Wunder sein, dass ich mich, der ja noch nie wirklich gerne raus ging (wegen erwähnter ungeklärter Magen- und Darmprobleme), nunmehr komplett aus dem sozialen Leben zurückgezogen hatte. Dabei ging es nicht ausschließlich um die Angst davor den Stuhlgang nicht halten zu können und in eine peinliche Situation zu geraten bestand, sondern auch weil mir der Vitaminmangel (von dem ich damals noch nichts ahnte) eine satte Depression beschert hatte.

Da man in der Regel nur das wirklich verstehen kann, was man selber erfahren oder erlebt hat, ist es schwer zu vermitteln, was so ein chronischer Durchfall und imperativer Stuhlgang bedeutet und welchen Einfluss er auf Psyche und Physis hat. Das gilt nicht nur für Arbeitskollegen, Freunde und Familie (obwohl letzte wohl an dichtesten dran sind), sondern natürlich auch für Ärzte. Selbst solche, die sich tagtäglich mit solchen Themen befassen. Ich persönlich bin bisher keinem Arzt begegnet, von dem ich mich in diesem Punkt wirklich ernst genommen gefühlt hätte. Dummerweise war ich ja auch noch stark Übergewichtig, chronischer Durchfall geht nun mal oft mit Gewichtsverlust Hand in Hand und so wurde ich nicht nur einmal mit Diagnosen, wie „ist halt ein empfindlicher Darm“, „durch das Übergewicht ist dort unten eben alles ausgeschlackert“ oder „Muskelkater“ unter Schmerzen und chronischen Durchfällen wieder nach Hause geschickt; was Nebenbei erwähnt nicht gerade das Vertrauen in die Ärzteschaft fördert.

Aber selbst dann, wenn man auf der verzweifelten Suche nach Rat zufällig bei einem Arzt landet, der die Probleme annimmt, wird man vielleicht Mesalazin (ein Salz dessen Wirksamkeit bei Morbus Crohn übrigens umstritten ist, aber bei Collitis recht gut zu wirken scheint) und/oder wird Colestyramin (ein Cholesterinsenker, den ich mir nicht antun wollte) verschrieben bekommen oder empfohlen es mit Loperamid (was völlig für die Katz‘ war), Flohsamenschalen (keine erkennbare Wirkung) oder Heilerde (dito) zu probieren. Aber ich stand „gut im Futter“ und mein Crohn zurzeit in Remission (was natürlich prinzipiell gut ist) – Ergo: kein Handlungsbedarf. Und gegen den Durchfall könne man halt nichts machen. Na, danke auch!

Ich war lange ein braver und sehr dummer Patient, der oral, wie verbal, alles ohne Fragen geschluckt hat. Doch der steigende psychische Druck des chronischen Durchfalls, der totale soziale Rückzug und die körperlichen Folgen (u.a. Vitamin- und Mineralstoffmangel) , sowie eine weitere Gewichtszunahme auf Höchstgewicht, die so überhaupt keinen Sinn ergab, ließ mich letztendlich zum Glück dann doch rebellisch werden und selber zur Tat, bzw. zur Recherche schreiten.

Aber zunächst einmal dorthin wo alles Angefangen hat:

Im Dezember 2009 wurde ich von meiner ratlosen Hausärztin, wegen Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, sowie steigender Entzündungswerte, ins Krankenhaus verwiesen. In Vorfeld hatte ich mich bereits sechs Wochen lang mit diffuse Bauch-, Magen- und Darmprobleme herumgeschlagen, die mich dehydriert, ausgelaugt und völlig entkräftet hatten.

In Ermangelung einer anderen Diagnose wurde ich mit den Verdacht auf Blinddarmentzündung zwei Tage später in den OP geschoben. Heraus kam ich mit einer Morbus Crohn Diagnose und einer Ileocoecal- und Ileozökalklappenresektion (Entfernung (Resektion) des letzten Ileum-Abschnitts, inkl. Blinddarm und der Bauhinschen Klappe). Als kleine Zugabe und der langen Bettlägerigkeit zuschulden, kam der OP dann noch eine Thrombose und eine Lungenembolie hinzu; aber das nur nebenbei erwähnt.

Es folgten sechs Wochen Krankenhaus, vier davon auf Intensiv-Stationen in Weinheim und Heidelberg. Im Januar 2010 war ich endlich wieder zu Hause und in mancherlei Hinsicht ging es mir von da an schlechter als je zuvor. Ich wusste zwar nun, dass ich an einer chronischen Darmerkrankung leide, was in vielerlei Hinsicht eine Befreiung war und so vieles erklärte, doch noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich solche Probleme mit chronischen Durchfall.

Ileum

Das ich fortan an einem Gallensäureverlustsyndrom leiden würde, wurde mir erst klar, nachdem ich mich Anfang 2014 in die Recherchen für meine Adipositas OP gestürzt hatte. Ein Gallensäureverlustsyndrom kann entstehen (die Foren sind voll davon, also kam man wohl eher davon ausgehen, dass es „entstehen wird“) wenn das terminale Ileum entfernt wird, denn in diesem Bereich wird dem Darminhalt die Gallensäure, die zuvor von der Galle, Zwecks Fettverdauung und Fettrespotion, hinzugefügt wurde, wieder entzogen. Nun also gelangt die Gallensäure in den Dickdarm, der damit so rein gar nichts anfangen kann und fördern dort u.a. die Kontraktionswellen der Darmwand. Die Folge: eine Steatorrhö, ein chologener Fettstuhl.

Verschärft wird die Situation, wenn auch die Ileozökalklappe entfernt werden muss – wie bei mir der Fall – die, vereinfacht dargestellt, den Verdauungsbrei von dem bakterienarmen Dünndarm vom bakteriell stark besiedelten Dickdarm trennt. Der durch diese unzweckmäßige Verunreinigung entstehen Durchfall wird osmotische Diarrhöen genannt.

Da im terminalen Ileum auch Vitamine aufgenommen werden, kommt es in diesem Zusammenhang auch zu einer gestörten Vitamin B12-Resorption, einem erhöhten Fettverlust und damit auch dem von essentiellen Fettsäuren und fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K. Auch besteht Verdacht, dass die Aufnahme von Calcium, Vitamin C, Magnesium, Eisen, Zink und Protein gestört wird. Von einer Beschleunigung der Dünndarmpassage, wenn dieser die Ileozökalklappe als regulierendes Hindernis fehlt, die einen imperativen (zwingend) Stuhlgang fördert, einmal ganz zu schweigen.

Übrigens: für ein Gallensäureverlustsyndrom braucht es nicht zwingend eine Ileocoecal- und Ileozökalklappenresektion, es ist jedoch mit Abstand, die häufigste Ursache.

Bis ich also Anfang 2014 über den Forums-Eintrag eines unbekannten Mitpatienten in einem Crohn-Forum stolperte, der davon berichtete, dass er gehört habe, der Verzicht auf Brot, Kartoffeln und Nudeln solle dem Durchfall nach Ileocoecalresektion und der Entfernung der Ileozökalklappe helfen, hatte ich das Ganze, oben erwähnte Programm durch: chronischer, blutiger Durchfall und Vitamin- und Mineralstoffmangel wohin das Auge blickte.

Natürlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon von „Low Carb“ gehört und kannte auch „Schlank im Schlaf“, aber als Option wirklich wahrgenommen hatte ich diese (für mich damals lediglich eine) „Diät“ nicht. Nun jedoch befand ich mich an einem Punkt, an den es einfach nicht schlimmer werden konnte, ich hatte nichts zu verlieren und einfach mal ausprobieren würde ja wohl kaum schaden.

Also fing ich mit dem Verzicht auf kohlenhydratreiche Beilage zu den Hauptmahlzeiten an, dem später Haushaltszucker, Frühstücksbrot und Müsli folgten, noch später Zusatzstoffe & Co (soweit dies irgendwie möglich) und dann der ganze Rest an stark kohlenhydratreichen Nahrungsmitteln folgte, bis ich heute bei einem Durchschnitt von 30 g KHs/Tag angekommen bin.

Mein Einstieg ins Low Carb, Paleo und später lchf, gestaltete sich so eigentlich recht unspektakulär. Ohne auch nur einen Moment einen Verzicht zu beklagen, schränkte ich den Anteil der Kohlenhydrate in meiner Ernährung ein und hob dabei die Fett und Proteine Menge an. Der Erfolg war einfach unglaublich! Nach nur einer Woche und das damals noch mit einer sehr moderaten Kohlenhydratreduzierung, auf unter 150 g am Tag, waren die chronischen Durchfälle auf ein so verschwindend geringes Maß zurückgegangen, von dem ich zuvor nie hätte zu Träumen gewagt.

Natürlich gibt es Grenzen, zb. in Stresssituationen, in fremder Umgebung (Urlaub) oder nach dem Verzehr von bestimmten Lebensmitteln, heißt es nach wie vor noch mal flitzen. Wie soll das auch gehen, schließlich bleibt das Problem Gallensäureverlustsyndrom, Ileocoecalresektion und fehlende Ileozökalklappe auch weiterhin bestehen. Zudem soll nun doch auch die Galle raus – ich habe drei hübsch-große Gallensteine, einen heißen Dank dafür an die Ärzteschaft, die mich nach der OP behandelt hat – und wer weiß schon wie sich dann alles entwickelt? Im Alltag sind jedoch die Durchfälle zu 90 % verschwunden – auch nach drei Jahren immer noch eine Sensation für mich.

Ich kann mich jedoch auch nicht des Eindrucks erwehren, dass auch die Magenverkleinerung einen positiven Aspekt auf meine Durchfall-Entwicklung hatte. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass ich nun viele kleine Portionen über den Tag verteilt essen kann und ein Überfressen nicht möglich. Zudem fand ich in meinen Adpositas-Chirugie-Ärzten endlich auch Befürworter für eine Substituierung von den Vitamin- und Mineralstoff, insbesondere solcher, die mir so dringend gefehlt hatten und deren schlechte Werte von so vielen anderen Ärzten als unerheblich abgewunken wurden.

Ich habe nach Erklärung und/oder mögliche Zusammenhänge für dieses Wunder gesucht: Gallensäureverlustsyndrom mit lchf überwunden! Und keine gefunden. Insbesondere da in diesem Zusammenhang, also bei Crohn und/oder einem Gallensäureverlustsyndrom, generell fettreiche Nahrung als „zu vermeiden“ empfohlen wird. Da ich jedoch mittlerweile gelernt habe, woher diese Fettphobie kommt, kann ich sie schon lange nicht mehr ernst nehmen. Zudem kann ich nicht glauben, dass so ein chronischer Durchfall nach drei Jahren aus heiterem Himmel und mit einem Schlag aufhört, insbesondere wenn er exakt auf eine Low Carb-Ernährungsumstellung fällt. Ich bin überzeugt, dass es einen Zusammenhang gibt und nicht bereit  ihn kleinreden zu lassen oder Ausflüchte zu akzeptieren.

Trotzdem – oder gerade deswegen – möchte ich allen Betroffenen, und generell allen Menschen, die an einer Autoimmunerkrankung leiden – ans Herz legen einer Low Carb, lchf oder Paleo Ernährung eine Chance zu geben. Es nicht zu versuchen, ist eine verloren Möglichkeit sich vielleicht etwas Lebensqualität zurückzuholen. Warum also das Ganze nicht einmal für vier Wochen ausprobieren? Aufhören kann man immer, wenn man merkt, dass es einem nicht bekommt.

Ich bin sehr dankbar diesen Schritt getan zu haben und das nicht nur im Bezug auf meine allgemeine Darmgesundheit und Durchfall- und Schmerzfreiheit, sondern auch im Bezug auf mein Körpergewicht, das sich unter dieser Ernährung so wundervoll entwickelt hat und einem entspannten (weil fehlenden) Hungergefühl Platz gemacht hat, was mir nach so vielen Jahre des übermäßigen körperlichen und seelischen (Hunger-)Leidens endlich einmal die Chance gibt, zu Essen eine gesunde Beziehung aufzubauen.

Noch ist für mich der Weg nicht fertig beschritten und vielleicht wird er das nie sein, schließlich kann man nicht wissen was noch auf einem zukommt, doch die Teilerfolge sind einfach überragend. Für mich ist es kein „Verzicht“ auf Nudeln, Brot & Co, sondern der „Gewinn“ von Lebensqualität.

Information zu Morbus Crohn:

Morbus Crohn ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED), die zu den Autoimmun-Erkrankungen gehört. Bei Morbus Crohn, wie bei anderen chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen auch, wechseln sich akute Phasen, sogenannte Schübe, mit Zeiten der gesundheitlichen Entspannung, immer dann spricht man von Remisson, ab. Der Krankheitsverlauf ist höchst individuell und ruft unterschiedlich starke Symptome und Problematik hervor. Er ist jedoch geprägt von sich wiederholenden Phasen von diffusen Magen- und Darmschmerzen, vor allem im rechten Unterbauch, Durchfall, sowie nicht näher bestimmbare und wechselnde Lebensmittelunverträglichkeiten. Morbus Crohn kann nicht geheilt werden, einmal aktiviert hat man den Crohn ein Leben lang.

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