Mein Weg zum Schlauchmagen

Die Jahre nach meiner Darm-OP (2009) und der Morbus Crohn Diagnose schleppen sich so dahin. Ich ging immer weniger raus, wurde immer Unbeweglicher und nahm zunächst 10 kg und dann weitere 10 kg zu (da ich mich eh schon mies fühlte, nahm ich die letzten zugenommenen 10 kg schon gar nicht mehr richtig wahr).

Im Sommer 2013 schmerzten meine geschwollene und steifen Gelenke bei jedem Schritt und Tritt, ein Bandscheibenvorfall aus dem Jahr 2006 macht mir zu schaffen und das ehemalige Thrombose-Knie, wahrscheinlich durch die lange Schonhaltung, kraftlos geworden und knickte immer wieder unter mir weg.

Die Kellertreppe zu bewältigen kostet mich enorme Anstrengungen, Einkaufen gehen wurde zur Ultra-Sport-Session und der leicht ansteigende Weg in unseren Gartenanteil hinterm Haus brachte mich fast zum Kollabieren.

Ich schlief schlecht, wachte immer wieder mit Atemnot und stechenden Kopfschmerzen und nickte immer wieder während des Tages ein. Dazu kamen, die mir schon vertrauen Magenkrämpfe, Darmschmerzen und -Blutungen.

Die Mengen die ich aß hatten längst nicht mehr den Umfang, den ich einst im mich reingestopft hatte. Aber natürlich gab es genügend „schlechte“ Tage, in denen ich alles nur so in mich reinschaufelte.

Doch irgendwann hatte sich geändert. Zwar widmete ich mich nach wie vor meiner alten Hass-Liebe „(viel) Essen“ und tröstete mich mit einer „ist doch eh alles egal“-Einstellung, doch ich aß nun mit einer gewissen Unwilligkeit und Abscheu; schließlich brachte mir Essen doch nur neue schweißtreibende Spaziergänge zur Toilette ein.

Zu diesem Zeitpunkt kam dann Chris ins Spiel – und war für mich Antrieb, endlich wieder meine Recherchen zum Thema Adipositas OP aufzunehmen, vor allem aber meine alte Einstellung dazu grundlegend zu überdenken.

Doch da gab es noch andere Faktoren:

Im September 2013 fuhren wir für eine Woche ins schöne Montafon. Während mein Mann mit der Gruppe wandern war, lief ich jeden Tag den Weg vom Hotel runter bis zur Hauptstraße und zurück und schwamm jeden Nachmittag im Hotel eigenen Pool.

Am Abend, wenn die Wanderer wieder im Hotel waren, genossen wir ganz wundervolle 5-Gänge-Menüs. Ich nahm in der Woche nicht ein Gramm zu! Vor allem aber inspirierte mich die dort angebotene Küche, dass ich mich kaum zu Hause anfing ähnliche Rezepte umzusetzen.

Beinahe zur selben Zeit machte ich Bekanntschaft mit dem Dampfgaren (dazu hier ein Artikel, den ich auf im Happy End Buecher Magazin veröffentlicht habe). Ich war so begeistert von der Methode, dass ich mir umgehend ein solches Tischgerät gekauft habe und bis heute mit großer Begeisterung damit koche. Außerdem entdecke ich den Bratschlauch für mich neu und ersetzte, wann immer möglich, damit das Braten in der Pfanne.

Was ich als Wendepunkt bezeichne, kam jedoch erst Ende Oktober 2013.

Ich hatte, wie bereits erwähnt, wieder mit meinen Recherchen zum Thema Adipositas OPs angefangen. Ich wusste nun, dass Morbus Crohn kein automatisches Ausschlussverfahren bedeutet und hatte Auszüge der S3-Leitlinie der deutschen Gesellschaft für Chirurgie der Adipositas von Juni 2010 gelesen, die die grundsätzlichen Empfehlungen, bzgl. einer möglichen Kostenübernahme einer OP von der Krankenkasse benennen.

Darin stand sinngemäß, dass „eine relevante Gewichtsbeeinflussung, bei Vorliegen eines BMI ≥ 60 kg/m2, auch unter multimodaler Therapie nicht zu erwarten ist“. Ich schrieb meiner Bekannten davon und witzelte darüber, wie schön es doch wäre, wenn ich auch einen BMI von über 60 hätte und somit keinerlei Probleme eine Adipositas OP zu bekommen.

Eigentlich war es mehr ein Spaß, dass ich am selben Abend anfing zu überlegen und auszuprobieren ;-), ob ich mich beim Messen kleiner machen oder mich mittels in meinen Taschen gelagerten Gewichten schwerer machen könnte, um meinen Wunsch BMI zu erreichen.

Habt ihr mal versucht euch beim Messen kleiner zu machen? Jepp, ihr habt völlig recht – es klappt nicht. *ggg* Mehr aus Spaß, denn ernst entstaubte ich unsere Personenwaage, die ich prinzipiell ignoriere – echt ich hasse Personenwaagen – stieg drauf und bekam den Schock meines Lebens.

192,7 kg / BMI 62.

Noch heute wird mir ein wenig übel, wenn ich an diesen Moment des ersten Schocks denke. War es im einen Moment noch ein Witz, wurde dieser im nächsten von der traurigen unleugbaren Wirklichkeit überrollt.

Keine 12 Stunden später hing ich am Telefon und hatte nicht nur eine Ernährungsberaterin, sondern auch Termine mit absolut jedem Arzt, der mir einfiel, und der mir nützlich sein könnte, die Krankenkasse von einer Kostenübernahme zu überzeugen.

Mehr noch, so hatte ich mir auch gleich Ersatz-Termine, bei Ausweich-Ärzten geholt. Als Dicke weiß man nie auf wie viel Entgegenkommen man trifft, sodass hier immer „sicher ist sicher“ gilt, Absagen konnte ich die Ersatz-Termine immer noch.

Was ein Krankenhaus für eine mögliche OP betraf, so wand mich zunächst an die nächste Anlaufstelle, in dem Fall das Klinikum Mannheim. Und kümmerte mich zum ersten Mal im meinem Leben um eine Selbsthilfegruppe, die ich in Heppenheim, in der Adipositas Bergstraße fand.

Ich sauste von einem Termin zum nächsten und hatte das Gefühl immer mehr statt weniger Fragen zu haben. Ich intensivierte meine Recherchen zum Thema im Internet, ärgerte mich mit den Kundenberater der Krankenkasse herum, die, meiner Meinung nach noch viel „Beratung“ zu lernen haben, unterhielt mich mit einem Rechtsanwalt für Gesundheitsrecht, besuchte meine erste Selbsthilfegruppenstunde und informierte mich in einem großen Sport- und Therapiezentrum in der Nachbarstadt zum Thema Funktionssport für 200kgler; wo ich übrigens, ganz zu meiner Freude, im Angebot wöchentliches Aquajogging entdeckte.

Mein Ärzte-Marathon und Termin brachte mir, neben den ersten Attesten, jeder Menge Folgeterminen, auch so manch niederschmetternde Diagnose ein. Da ich jahrelang nie bei Arzt war, kamen die Tiefschläge nun reihenweise. Einerseits natürlich ein „Erfolg“, denn jede weitere Grunderkrankung steigerte meine Chancen auf Kostenübernahme, doch in diesem gehäuften Aufkommen und so aus dem Nichts heraus, nicht einfach zu verkraften.

Ein weiterer herber Rückschlag war für mich, dass ich, die von mir gewünschte OP-Methode (ein Magenbypass, wie bei Chris oder eine biliopankreatische Teilung mit Switch), nicht bekommen würde. Wegen meines aktiven Morbus Crohns (aktiv = weil die Erkrankung ist mindestens einmal ausgebrochen ist und damit gilt der Darm als extrem anfällig und „brüchig“) war keiner der Chirurgen bereit, mehr als einen Schlauchmagen zu verantworten.

Zu diesem Zeitpunkt Anfang des Jahres 2014, mit den Nerven völlig runter, war ich kurz davor aufzugeben. Würde ich es auch, mit den geringeren Erfolgsaussichten, die ein Schlauchmagen im Gegensatz zu einem Bypass darstellt, schaffen? Ich glaubte nicht und war gewillt den Kopf wieder in den Sand zu stecken.

Vielleicht auch, weil es zunächst eine absolut qualvolle und sehr schmerzhafte Angelegenheit mich in Bewegung zusetzten.

Doch je mehr Termine ich wahr nahm und desto mehr kam ich … in Bewegung, unter Menschen, in neue Situationen und ins (soziale) Leben zurück. In Folge dessen machte sich ganz leise und für mich völlig überraschend neuer (Lebens-)Mut in mir breit.

Und auf einmal bestimmten wieder kleine Highlights mein Leben: Ich hatte mittlerweile mit Aquajogging angefangen, was in einem kleinen Ortsteil-Schwimmbad in der nächst gelegenen Kleinstadt satt fand. Das am Hang, unter einem Bürgersaal/Sporthalle, gelegene Hallenbad, ist nur über eine sehr lange Treppe zu erreichen, die nach dem Sport und mit vom Duschen feuchtem Gepäck zu einer echten Herausforderung wird. Als ich diese Treppe, das erste Mal ohne Pause bewältigen konnte, wurde mir klar, was ich in den letzten Monaten an Kondition zurück gewonnen hatte! Ich war wieder da.

5 Monate nach dem ersten Termin, Ende März 2014 hatte ich endlich alles, wie ich hoffte, Notwendige zusammengetragen, um erfolgreich einen Antrag auf Kostenübernahme bei meiner Krankenkasse zu stellen.

Ich hatte mich auch eine lange ungemütliche und belastende Wartezeit eingestellt, doch nach nicht einmal 14 Tagen war sie da, die Zusagen zur Kostenübernahme eines Schlauchmagens.

Am 18. Juni 2014 ist es dann so weit, ich bekommen im Krankenhaus Sachsenhausen einen Schlauchmagen. Über diesen Zeitpunkt hinaus habe ich mir im Moment nichts vorgenommen, keine Ziele oder Erwartungen gesetzt.