Sinn und Unsinn

Kalorien zählen ist entbehrlich! Als ich mit dieser Aussage einer Diätologin konfrontiert wurde, war ich erstmal konsterniert und wie erschlagen. Wie jetzt? Entbehrlich? Dabei drehte sich mein Leben doch immer wieder (nicht immer) nur um Kalorien, Fette, Portionsgrössen, Kohlehydrate, ec. Ständig dieser Kampf mit den Kalorien und dann auch noch die permanente Kontrolle durch die Waage.

Diese zeigte einige Wochen vor meiner Operation ungefällige 160 Kilo an. 160 Kilo?!?! Ich war geschockt. Unglücklich. Verzweifelt. Entsetzt. Mir fallen gar nicht soviele Beschreibungen ein, die mein Gefühlschaos wiedergeben könnten.

Jahrelang stellte ich natürlich Vergleiche an. Und natürlich nur zwischen mir und anderen Übergewichtigen, die mir alle viel dicker und viel monströser erschienen, als ich selbst war oder mich wahrnahm. Natürlich war ich nicht blind und Klamotten lügen nicht, wenn sie zwicken und spannen.

Und die Waage führt auch keinen tagtäglichen Kleinkrieg mit dir, wenn du dich auf sie stellst und du entsetzt feststellst, dass du wieder zugenommen hast. Jeder Tag, an dem sich die Waage nicht bewegte, war für mich dann schon ein Erfolg. Auch wenn er einen bitteren Nachgeschmack hinterließ.

Im Zuge der Operationsvorbereitungen musste ich eben auch ein ausführliches Gespräch mit der Diätologin führen. Dabei war es sehr wichtig ehrlich zu bleiben und zu gestehen was genau schief lief. Wenig überraschend offenbarte sich hier meine absolute Abhängigkeit von Süssigkeiten und die unüberschaubaren Portionsgrössen.

Auch Fressattacken zu jeder Tages- und Nachtzeit wurden nicht verschwiegen. Genauso wenig das Prinzip der Belohnung, mit dem man schnell in einen fatalen Kreislauf geraten kann. Schon allein durch dieses – durchaus anstrengende – Gespräch konnte ich schon Wochen vor der Operation mein Essverhalten und meine Gelüste überdenken und dazu eben meine Bedürfnisse reflektieren.

Kalorien zählen ist also entbehrlich – laut meiner Diätologin. Ganz so simpel ist es jedoch nicht. Vor allem nach der Operation war es wahnsinnig schwierig den Grundumsatz zu halten. Zumindest für mich, aber jeder verkraftet diesen Eingriff ja auch anders. In den ersten Monaten konnte ich nur um die 800 Kalorien täglich zu mir nehmen. Hunger? Nope. Gusto? Nope. Willen zu essen? Auf gar keinen Fall. Essen war anstrengend, belastend und irgendwann auch nur noch nervig. Diese Empfindungen kommen bei mir immer wieder auf und es gibt Tage, da habe ich einfach keinen Bock auch nur an Essen zu denken.

Deswegen habe ich mir in der ersten Zeit mit einem ziemlich simplen Programm beholfen. Es nennt sich FDDB. Zusätzlich zur Internetpräsenz gibt es auch eine App fürs Smartphone. An manchen Tage trage ich noch meine Werte ein, doch inzwischen kann ich meine Portionsgrössen ganz gut abschätzen. Und im Grunde sollte es ja auch so sein, dass man ein Gespür für Portionsgrössen bekommen. Eine Abhängigkeit vom Kalorienzählen könnte sich tatsächlich wieder in eine Art Sucht auswachsen!