Status quo #16/17 – Shopping-Wahn(sinn)

Dass man beim Shoppen doch so viele Kalorien verbrät? Wenn das so ist, dann sollte ich das wohl öfters machen? Meine Fit bit hat mir heute tatsächlich die sensationelle Zahl von über 3000 verbrauchten Kalorien angegeben. An Sporttagen komme ich gerade mal auf 2800, aber auch nur wenn ich so richtig rangeklotzt habe und am selben Tag auch noch zu Fuß einkaufen war. (Kleine Anmerkung: Nach langem Austesten und Vergleichen, kann ich sagen, dass die Werte, die mir die Uhr anzeigt, sich durchaus in einem realistischen Umfang bewegen.)

Aber okay, Ziel war es heute nicht die Fit bit in ihrem Funktionsumfang auszulotsen, sondern mir eine Grundausstattung, Schuhe, Jeans, Unterwäsche und Hemdchen zu verpassen. Da ich in dieser Hinsicht wirklich Hilfe brauche, hat meine Freundin ihre kostbare Zeit mit mir geteilt und mich beratend begleitet. Für mich ist das, aus mehreren Gründen, etwas sehr wertvolles, zumal meine Freundin, neben Jobs, einer Fernbeziehung, inkl. großer Patchwork-Familie, es trotzdem noch schafft, sich beim Tanzen gehen und neu gestalten ihres Hauses auszuleben, ergo ein verdammt volles Leben hat, und weil ich nun mal eben nicht der einfachste Shopping-Schützling bin.

Dafür hatte ich nämlich einen ganz einfachen Plan: ich lege mir eine neue Garderobe zu, und ich spreche hier tatsächlich von einem oder zwei Outfits, die ich anziehen könnte, wenn ich denn tatsächlich mal was anderes bräuchte außer Sportklamotten – also etwa alle Jubeljahre – und damit wäre das Thema dann abgeschlossen. Weil Shoppen eh viel zu anstrengend ist und nervig und darüber hinaus auch noch viel zu viel Geld kostet. Geld was ich lieber in andere Sachen anlegen würde, zb. …. Sportklamotten oder in Nahrungsergänzungsmittel oder Aminosäuren-Experimente. (Ja, das ist schon so eine Sache mit den Prioritäten. ;-))

Meine Freundin hat da jedoch ganz eigene Vorstellung. Was auch kein Wunder ist, schaut man sich unsere doch sehr unterschiedlichen Leben, Interessen und Tagesabläufe an. Für sie, sind die Sachen, die ich lieber im Schrank für die eine Gelegenheit haben möchte (und zugegeben, dort leider viel zu oft „endlagere“), weil mir das „rauszuputzen“ viel zu unbequem ist, ganz alltägliche Casual-Wellness-Wohlfühl-Bekleidung. Und sie liebt es, sich, für sich selber zurecht zu machen. Ich finde das toll und ich liebe es an ihr.

Ich bin jedoch nicht sie. Ich liebe es ins Fitnessstudio zu gehen, sportlich zu laufen, sportlich zu wandern und sportlich Rad zufahren. Und nein, mir würde es nicht im Traum einfallen mit Stiefelchen aufs Rad zu steigen oder in einer gut sitzende (ihre Definition), knallengen (meine) Jeans. Auch die 10 km Fußweg, in die Stadt und wieder zurück, sind mit Schlabberhemd, und sei es auch noch so chic und elegant, oder mit Riemchensandalen zu laufen, schlicht Unsinn, weil ich bestenfalls damit schlendern, aber nicht laufen könnte und Dummheit, da es mir grandiose Blasen garantieren würde.

Ich liebe es zu Hause in schlapprigen Schlafanzugshosen vom Aldi und ausgeleierten T-Shirts, in den unmöglichsten Farben herumzuhängen. Und für den Einkauf zu Aldi oder zu Lidl (10 min Fußweg, mit AOK-Shopper im Schlepptau) … zum Kochen oder Haushalt machen? Das kleine schicke Schwarze oder die knallenge Jeans mit Stiefeln, Body und elegantem Hemd? Nein, das bin ich einfach nicht.

Aber auch ich habe gerne etwas im Schrank, was ich für Gelegenheiten anziehen kann und ich finde es toll, mich auszuprobieren, anzuprobieren und letztendlich zu Shoppen. Einkaufen ist nun mal ein Rausch, genauso wie Abnehmen. Und hin und wieder so ein Kick ist eben einfach klasse.

Also habe ich heute einen Haufen Geld ausgegeben; und natürlich das übliche schlechte Gewissen dabei gehabt. Aber nach ein paar „das ziehe ich nicht an“ meinerseits und einigen vehementen und höchst nachdrücklichen „nein“, habe ich es tatsächlich geschafft mir ein Outfit aus einer Jeans (und zwar endlich einmal eine, die wirklich gut sitzt knalleng ist), Hemdchen zum Drunterziehen und einer hellen Bluse zum Drüber (und wir haben da ein wirklich super tolles Schnäppchen von Hugo Boss gemacht), sowie (gleich 3 Paar) Schuhe zusammenzukaufen, mit dem ich wirklich sehr glücklich bin. Nun, das heruntergesetzte Winterkleid wäre vielleicht nicht nötig gewesen, vor allem in Angesicht des nahenden Sommers, aber da es am Ende sogar zu einem der neuen Paar Schuhe passt, bin ich doch froh es ebenfalls mitgenommen zu haben. Ach ja, zwei Garnituren Unterwäsche waren auch noch dabei.

Vielleicht ist es heute nicht unbedingt so 100 % gelaufen, wie es meiner Freundin vorgeschwebt hatte. Und vielleicht kann sie auch (noch) nicht verstehen, dass ich nun nicht anfange in (den neuen oder irgend einer anderen) Jeans meinen Haushalt zu machen. Und definitiv habe ich auch nicht alles gekauft, was ihr, an mir (aka an ihr) gefallen hat. Und vielleicht war das die großartigste Erkenntnis diesen tollen Tages: nicht kopieren, sondern assimilieren. Und ja, ein paar mal hat es mir riesigen Spaß gemacht, sie ein wenig mit (m)einer vorgeschobenen „bäurischen“ Art zu „ärgern“. Die Arme hatte also tatsächlich keinen so leichten Tag.

Ich hoffe aber, dass ihr trotzdem bewusst war, was dieser Tag für mich bedeutet hat.

Ich habe richtig fiel gelernt, über den Umgang mit mir und den mir anderen. Ich habe gelernt, dass es durchaus Sinn macht, die Hilfe von Verkäufer ins Anspruch zu nehmen und nicht durch die Geschäft zu schleichen, in der Hoffnung, niemand möge mich ansprechen, weil man sich weder mit der eigenen Kleidergröße, noch wegen der fehlende Shopping-Erfahrung/Ahnung, die Blöße geben will.

Mir fällt da immer Asfa-Wossen Asserates „Draußen nur im Kännchen“ ein, ein Buch, das nicht nur amüsant und höchst interessant zu lesen war, sondern mir auch in eigenen Punkten viel Stoff zum Nachdenken gegeben hat. Der Autor fragt sich im Buch warum Dienstleistungen (bezogen auf Deutschland, im Gegensatz zu seinem Heimatland Ethopien) so verpönt sind und das es zwar immer heißt, der Kunde soll König sein, die Frage aber ist, ob er das auch sein will? Und ob er dazu überhaupt die Befähigung hat. Denn, so Asfa-Wossen Asserate, „zu einer Geste der Demut gehören immer zwei, einer der von seinem hohen Roß herunter steigt und einer der sich Erhöhen lässt“, was – und das bitte richtig verstehen – natürlich immer für alle beteiligten gilt, denn „ein manierlicher Mensch, wird den anderen immer als Höherstehenden betrachten“, (ob er sich das am Ende auch verdient, bleibt natürlich abzuwarten und ist eine ganz andere Frage).

Zudem fand ich es unheimlich spannend zu welchen Kleidungsstücken sie für mich gegriffen hat. Sachen, die ich nie für mich wahrscheinlich nie ausgewählt hätte. Witzigerweise gefiel ihr gleichzeitig keine einzige Wahl, die ich für mich getroffen hätte; was für mich vollkommen okay war. Schließlich ging es mir hier vor allem darum neue Blickwinkel zu gewinnen, die ich dann später für mich, mit meiner ganz eigenen Auswahl, übernehmen kann. Und das werde ich auch, denn offene Flatterhemden, enge Hemdchen, Schnüre, Bänder und Accessoirs finde ich nun mal furchtbar und schräge Shirts, ruhig ein wenig derb/bunt/verrückt/unpassend klasse, daran wird sich wohl auch nie etwas ändern. (Und ehrlicherweise, finde ich das auch gut so, weil es eben mein Stil ist.)

Ja, und dann war da auch die unglaublich tolle Erfahrung mit einer Freundin Shoppen zu gehen; und dann auch noch einer, die die selbe Größe hat. Bisher habe ich kaum selber in eine Umkleidekabine gepasst, wenn ich mich dann mal in eine verirrt habe, nun mit 50 Jahren, eifrig gegenseitig das selbe Kleidungsstück an sich ausprobieren zu können, wie man es vielleicht nur 15jährigen zugestehen würde, ist für jemanden, der bisher fast ausschließlich allein zu Hause, aus dem Katalog, unifarbene T-Shirts und dunkelblaue Trainingshosen bestellt hat, mit nichts, aber rein gar nichts, aufzuwiegen – Einhorn-Glitzerstaub-farbenes-zuckersüßes-köstliches Glück.