Status quo #19/17 – Das verflixte dritte Jahr

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen mit dem ständigen Jammern aufzuhören und mein Blog-Tagebuch für wertvollere Dinge zu nutzen. Aber, wie mich heute eine Freundin darauf aufmerksam gemacht hat, es ist mein Tagebuch und ich sollte doch bitte schön darin schreiben, was mir gut tut. Und Jammern steht da im Moment ganz oben auf meiner Lieblingsbeschäftigungsliste. Also wird gejammert.

Ich hatte bereits im „Status quo # 17/17“ darüber geschrieben, wie sehr ich momentan „ins Schwimmen“ gekommen bin. Zwar habe ich mich, mit einen bewussten Rückzug, wieder soweit stabilisiert, dass ich mich etwas besser fühle, doch aus dem Loch, in das ich vor einer Weile gefallen, habe ich mich noch nicht wieder ganz rausgeschafft.

Ich weiß nun, dass ich darauf achten muss, mich nicht zu sehr einnehmen zu lassen. Was nicht so ganz einfach ist, denn „nein sagen“ oder eine „Ablehnung“ egal zu welchem Thema und zu welcher Sache, an Menschen zu verteilen, die ich liebe, fällt mir immer noch sehr schwer; bzw. stresst mich wirklich, auch wenn es zum guten Zweck meines Selbstschutzes ist.

Und wann immer ich solche Probleme zu kauen habe, kompensiere ich das mit Essen. Und leider habe ich diesmal zu Essen gegriffen, das mir in der Menge überhaupt nicht bekommt. Es hat mich also einiges gekostet meine letzte „Haferflocken“-Orgie zu verdauen: Verdauungsprobleme, Übelkeit und Magenkrämpfe, plus dem Hochschnellen der Waage, über die 90 hinaus.

Aber was mich so besonders frustet ist, dass ich wohl einfach nicht dazu lerne. Da hege ich an sich gar keinen Wunsch nach KHs, lockere aber trotzdem wieder meine Regel (unter 50 g KHs zu essen) – weil Haferflocken, Süßkartoffeln und Reis, ja die „guten“, „erlaubten“ KHs sind und so „gesund“ – und dann habe ich die Scheiße, … äh den Mist. Verdauungsprobleme und (ein sich langsam einschleichender) Heißhunger (wie mir das immer auf Mengen über 100 g KHs am Tag passiert); die ganze Wassereinlagerungs-Problematik (habe ich nicht gelesen, dass 1g KH 3g Wasser im Körper binden?) mal außen vorgelassen und ins Training bin ich auch nicht, weil ich mich mit meinem empfindlichen Magen einfach nicht schmerzfrei bewegen konnte – und überhaupt wenig Lust dazu hatte meine Wampe (keine verschobene Selbstwahrnehmung, die hatte ich tatsächlich) auf den Crosstrainer zu hieven.

Aber nicht nur das ist im Moment irgendwie … Scheiße. Und ich frage mich wieder und wieder, was eigentlich los ist mit mir.

Nichts passt, nichts stimmt und es herrscht eine Orientierungslosigkeit in mir vor, die mir wirklich Angst macht. Ich weiß einfach nicht welchen Weg ich gehen soll, bzw. habe keine Ahnung wo der Weg eigentlich ist. Ich kämpfe mich im Moment also durch beinahe undurchdringliches Gestrüpp.

Es scheint so, dass ich im „verflixten dritten Jahr (nach der OP/Gewichtsverlust)“ bin; wobei mir in diesem Zusammenhang auch langsam klar wird, warum so viele in dieser Phase wieder zunehmen. In den ersten zwei, ein-einhalb Jahren, habe ich in einem Rausch der Abnahme gelebt. Ich war Ziel fixiert und alles war einfach und ging mir leicht von der Hand; also relativ gesehen, denn natürlich hat es in diesen Jahren auch schwierige Phase gegeben, aber rückblickend sind sie nicht so sehr ins Gewicht gefallen.

Erst das Nachlassen des Rausches, im Zuge der immer schwieriger werdenden Diät im letzten Jahr, fing das alles an mich wirklich Kraft zu kosten. Kraft, die ich eigentlich anderweitig hätte brauchen können.

Wieder ist Essen nicht mehr nur „Kraftstoff“, sondern hat seine Bedeutung als emotionaler Ausgleichsfaktor zurück – und das mit aller Macht. Verquere Denkmuster, die ich mittlerweile als „Fettlogiken“ erkannt habe, kommen mir immer wieder in die Quere. Auch wenn ich diese relativ schnell als solche identifizieren kann und gegensteuere, so lassen sie mich doch immer wieder stolpern – noch so ein, sich ständig wiederholender Kraftakt.

Eines dieser verqueren Denkmuster (ich bin mir nicht ganz sicher ob das eine Fettlogik ist, ich vermute es jedoch), das mir immer wieder über den Weg läuft, ist, dass ich, sobald die Waage einmal (aus was für Gründen auch immer) nach oben ausschlägt, ich sofort denke: „Ich darf nichts mehr essen“. Praktisch sofort darauf kommt der Satz: „Ich muss aber essen“ hinterher. Natürlich ist das vollkommen korrekt, doch ich habe diese Tatsache immer gerne auf verquere Art als Erlaubnis „so viel zu essen, wie ich möchte – schließlich muss ich ja was essen“ bewusst miss-interpretiert.

Mir immer wieder sagen zu müssen, „ja, ich darf essen und ich muss sogar, aber in der richtigen Menge“ finde ich unglaublich anstrengend. Was aber auch kein Wunder ist, schließlich ist das nicht die Antwort, die ich hören will. Was die Menge betrifft, so dachte ich, könnte ich dies ja mit der Adipositas OP regeln. Tute ich in gewisser Weise auch, aber mittlerweile bin ich eben auch ziemlich gut darin (bewusst und unbewusst) diese Tatsache auszuhebeln (z.b. viele kleine Mahlzeiten essen oder weiche Sachen, von denen mehr reingeht).

Und dann gibt es da auch noch einen Punkt, denn ich so wirklich gar nicht auf dem Bildschirm gehabt habe und der mir im Moment am allermeisten zuzusetzen scheint: die Veränderungen des eigenen Körpers, des Geistes und der Seele. Und das ist wirklich harter Tobak.

Dabei gibt es, einige seltene Tage, an denen ich mich wirklich an den Herausforderungen gewachsen sehe, das Gefühl habe mich weiterentwickelt zu haben. Doch kaum habe ich daraus Hoffnung schöpfen können, folgt dem der nächste kleine Sturm und alles fällt zusammen; so zumindest mein Eindruck. Genauso wie meine Ernährung/Diät stabil zu halten und ihr die nötige Kontinuität zu geben, um weiterhin erfolgreich zu sein, so fällt es mir auch in diesem Punkt schwer mein Gleichgewicht zu halten.

In annähernd 50 Jahren meines Lebens habe ich mir ein gutes Bild von meinem Körper machen können. Oh, ich mochte ihn nicht, was denke ich heute, auch gar nicht notwendig ist, doch ich habe ihn toleriert soweit es mir möglich war. Vor allem aber wusste ich ihn einzuschätzen, kannte seine Abmessungen und Grenzen. Ich war dick, aber ich war ich.

In diesem dritten „nach OP“-Jahr ist es so, dass ich mich überhaupt nicht mehr kenne. Ja, ich habe sogar ein recht verschobenes Körperbild von mir entwickelt. So gibt es Tage an denen ich mich fett, schwabelig, schwer und träge fühle, im Spiegel aber aussehe wie jeden Tag im letzten Jahr.

Gerade diese live vs. Spiegel-Wahrnehmung führt immer wieder zu sehr irritierenden Situationen, in denen mir richtig gehend schwindelig wird und besagte Orientierungslosigkeit wie ein Feuerwerk in meinem Kopf explodiert.

So zb. in der Umkleidekabine vom COS; meinen neu erklärten Lieblingsmodelabel. Ich beäugte mich gerade kritisch in einem Kleid, fand meinen Bauch zu dick, meine Hüften zu breit und meine Beine zu dick, als eine andere Frau aus der Umkleide trat, um sich ebenfalls in einem ähnlichen Kleid im Spiegel zu begutachten. Mein spontaner Gedanke war: so schlank will ich auch sein und so gut will ich auch in das Kleid passen. Tatsächlich, wie ich aus einem Gespräch mit ihrer Freundin heraushörte, probierte sie dieselbe Kleidergröße an, wie ich sie auch trug, hatte nicht minder „Bauch“ zu bieten und sah tatsächlich – mich im Spiegel mit ihr vergleichend – nicht anders aus als ich.

Ich gebe zu, dass mir diese Begegnung sehr zu denken gegeben hat. Denn es hat mir durchaus einen Schock versetzt, den ich immer noch nicht ganz verdaut habe. Wir mögen vielleicht im Gewicht 10 kg auseinander gewesen sein, sie so um die 80, ich mit meinen 90, aber sie war auch deutlich kleiner als ich. Und während ich sie als schlank wahrgenommen habe, habe ich mich als fett beurteilt. Erst im – neutralen – Spiegel genau betrachtet, wurde mir klar, dass das nicht der Fall war.

In einer anderen Situation, die mich ähnlich belastet hat, wartete im Studio auf die Thekenkraft und betrachtete dabei gedankenverloren die junge Frau vor mir. Sie sah gut aus in ihrer knallengen Jeans und dem noch engeren Oberteil, das in den Hosenbund unter einen Gürtel gesteckt war. Sie war groß und schlank, doch ihr „Bauch“ war deutlich zu sehen und dehnt die Jeans ordentlich aus (was mir jedoch erst beim zweiten und dritten und sehr aufmerksamen Hinschauen bewusst wurde). Bei ihr habe ich das Outfit sofort als gutaussehend beurteilt und den Bauch als gar nicht so schlimm. Mich dagegen habe ich sofort (in einer ähnlichen Aufmachung) als Presswurst gesehen. Und das obwohl, mein Bauch, isoliert betrachtet, nebeneinander gestanden vergleichend (was ich dann ebenfalls ganz bewusst betrachtet habe), optisch viel schlanker wirkte als ihrer.

Und auch die Sache, dass die Menschen in meinem Umkreis, mir (unbewusst) immer wieder zu verstehen geben, oder ich das mittlerweile in ihr Verhalten hineininterpretiere, dass ich doch endlich mal zufrieden sein soll, mit dem was ich erreicht habe. Dass mir das zum einen die „Erlaubnis“ gibt, nun mit dem Abnehmen aufzuhören, finde ich problematisch genug und ist aus meinem sehr willigen Kopf für diese Idee, auch nicht mehr rauszubekommen. Aber dass es mir auch meine (Rest-)Motivation untergräbt, so zumindest mein Gefühl, kotzt mich förmlich an. Geschafft daran etwas zu ändern habe ich jedoch auch nicht, bzw. genau zu formulieren, was ich denn im Moment benötige und wie eine etwaige Unterstützung aussehen könnte.

Ich brauche Unterstützung, weiß aber nicht, wie sich diese Gestalten soll. Na klasse, geht es vielleicht noch etwas ungenauer?

Habe ich noch was, wenn ich gerade so schön am Jammern bin? Mh, ich glaube für den Moment nicht. Kann ja aber noch kommen und dann wird es eben demnächst weitere Jammer-Beiträge geben.

Status quo (31.05.2017)
Waage: 90,7 kg
Gefühlslage: bescheiden
Gesundheitsbarometer: mies