Von Mottenkugeln und eingestaubten Kleiderbügeln

Mein Kleiderschrank, bzw. sein Inhalt, ist eher klein zu nennen und dient auch in der Hauptsache als Lagerraum für all die Kleidung, die ich auf meiner Reise durch die Kleidergrößen hinter mich gebracht habe, mich aber nie auszusortieren getraut habe.

In den letzten Jahren habe ich lediglich an dunkle Sweatshirt-Trainingshosen und T-Shirts, bzw. für den Winter Langarm-T-Shirts gehalten, die mich, besonderes wegen meiner Probleme im Magen- und Darmbereich, in keinerlei Hinsicht einengt haben. Meine „Auswahl“ bestand lediglich darin eine Farbe zu wählen.

Kleidung kaufen für mich nie das Vergnügen, was andere, die aus einer bunten Vielfalt, passender Durchschnittsgrößen auswählen können, dabei empfinden können. Für mich war (und ist es noch) es eine Qual. Zumal ich doppelt gestraft bin, mit einer Damen-Über-Schuhgröße, die großen Füße habe ich von meinem Papa geerbt, gingen die Verlockungen der Modewelt und der Rausch Schuhe oder Kleidung zu kaufen generell an mir vorbei.

Doch diese ersten 30 kg Gewichtsabnahme sind nicht spurlos an mir vorübergegangen, meine T-Shirts, die ich bisher recht proper ausgefüllt habe, fangen an zu schlappern und sehen wohnlichen und ausgeleierten Schlaf-Shirts ähnlicher als Tageskleidung, mit der man sich auch auf die Straße trauen kann.

Es wurde also Zeit, einen Rundgang in meinen Kleiderschrankvollen „Lagerraum“ zu unternehmen, um zu prüfen was schon wieder getragen werden kann, aus was ich rausgeschrumpft bin und was noch zum Hineinwachsen geeignet ist.

Die meiste meiner Lagerraum-Kleidung ist 20 – 25 Jahre alt, manche verfügen sogar noch über die monströsen Schulterpolster der 80ziger und sind seit dem auch praktisch nicht mehr getragen. Obwohl ordentlich aufgereiht, so zierten die Bügel und Hemdkragen eine dicke Staubschicht, den Geruch von Mottenkugeln (die ich eigentlich gar nicht verwendet habe) und eine Lederimitatjacke gar, fühlte sich seltsam klebrig an, so als ob das Material im Auflösen gegriffen wäre – kein Wunder, habe ich doch seit Jahren nicht mehr in diesen Teil des Schrankes geschaut.

Nach den ersten Niesanfällen und der Einnahme einer Allergietablette konnte ich schnell feststellen, dass ich in – ausnahmslos – alle Kleidungsstücke, die noch in meinem Schrank hängen, reingepasst habe. Ein bis zwei Hosen sind noch etwas enger, andere eignen sich (bisher) nur zum Stehen und einige waren so groß, dass mein schlanker und hochgewachsener Sohn locker noch mit reingepasst hätte.

Die Winterjacke sogar, die im letzten Winter nicht mehr zu schließen war, werde ich wohl oder übel aussortieren und ersetzen müssen (außer ich trage darunter 2- 3 Fleece Pullover übereinander um den freien Platz zu füllen); natürlich fliegt bei der Gelegenheit auch das klebrige Ding raus (was ich leider, in den Jahren, die ich diese Jacke besitze, vielleicht 1 oder 2 mal an hatte).

Gefreut habe ich mich, dass meine Walking-Jacke (die für Sommer UND die für den Winter) wieder zugehen und ich zumindest in dieser Hinsicht für die kühlere zweite Hälfte des Jahres ausgesorgt habe – vor allem da ich gestern gerade meine neuen Stöcke bekommen habe.

Und trotz diese erfreulichen Entwicklung war mir irgendwie zum Heulen zumute.

Ich habe lange darüber nachgedacht, woher dieses Gefühl wohl mit einem Mal gekommen ist. Ich glaube, dass es damit zusammen hängt, dass ich in all diese Kleidung ja schon mal gepasst habe, dann aber so sehr zugenommen, dass ich sie nicht mehr tragen konnte.

Als mein Mann vorschlug, dass ich nun aber die zu großen Kleider aussortieren sollte, war meine erste Reaktion stumm verneinend den Kopf zu schütteln. Auf sein Nachfragen warum ich die Sachen nicht aussortieren will, meine ich nur, dass ich denke, sie vielleicht noch wieder brauchen zu können.

So steckt wohl hinter all dem, die verzweifelte und blanke Angst, je wieder so viel zu zunehmen zu können.

Da heute auch zufällig ein Treffen meiner Selbsthilfegruppe war (ich muss euch unbedingt mal davon erzählen wie wertvoll und wie wichtig diese Gruppe für mich geworden ist und wie sehr ich allen Adipositas-Betroffenen eine solche Gruppe empfehlen kann), sprach ich das Thema an und erzählte von meiner Modeschau.

Und es half. Am Ende habe ich mit meiner Gruppe vereinbart (quasi als Vertrag formuliert), dass ich eine einzige Hose (die Größte, die ich je hatte) aufheben werde, als Motivation und Vergleich zugleich für meine Abnehm-Leistung und alles andere was zu groß geworden ist, unerbittlich rauswerfen muss/soll.

Und was die Angst (sowie die Tatsache) betrifft, (irgendwann wohl) wieder zu zunehmen, die konnte mir jeder Anwesende gleichsam bestätigen. Ebenso wie mit der Waage und der Wiegerei, werde ich wohl auch hier einen Weg finden müssen, um meinen Frieden damit zu schließen. Aber eins nach dem anderen, nun ist erst einmal eine Altkleidersammlung angesagt.