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Style

Über so etwas, wie einen eigenen Style, habe ich noch nie nachgedacht. Ehrlicherweise kam mir das bei Größe 64 auch nicht wirklich in den Sinn. Ich war schon froh, einfach IRGENDWAS zum Anziehen zu finden; zumindest war das die meiste Zeit meines Lebens so, heute ist das Angebot zum Glück etwas weiter gestreut.

Bequem sollte es sein, schließlich ist ein Leben mit 200 KG schon einengend genug. Und warm war mir auch immer, hat mich nicht schon die kleinste Anstrengung zum Schwitzen gebracht. Und unauffällig sollte alles sein, hatte ich doch schon unter genug Übergrifflichkeiten zu leiden; meine Bewunderung für jeden, der mit seinem Körper voller Selbstbewusstsein, geschickt zu kokettieren weiß. Mir war das noch nie gegeben, obwohl ich durchaus eine Ahnung davon gewinnen könnte, die letzten Jahre.

Ich habe also nie lange überlegt was ich anziehen soll, Hauptsache es hat gepasst, war funktionell, bequem und schlicht. Mein Style, das war eine dunkle Sweat(Trainings-)hose und ein einfarbiges T-Shirt oder Shirt. In jüngeren Jahren habe ich mich noch mit ein paar Accessoires aufgehalten, Schmuck oder Tücher, später habe ich aber auch das aufgegeben.

Als das mit dem Abnehmen anfing und ich endlich in den Bereich kam, der mir Kleidung von der Stange und somit in einer großen Bandbreite anbot, wollte ich das mit dem Style „geplant“ angehen. Doch so rasant, wie ich in der Folge durch die Kleidergrößen gerutscht bin, kam ich kaum mit dem Notwendigsten nach und wann immer ich etwas fand, was wirklich zu mir passte, mir gefiel und mich darstellte, war es in kürzester Zeit zu groß.

An dieser Stelle ein Wort zu: Körperwahrnehmung

Nach dem ersten heftigen Gewichtsrutsch hat es lange gedauert, bis ich wieder ein Gefühl für die eigenen Körperabmessungen bekommen habe. Und das auch erst, als ich wieder zugenommen hatte. Fast 4 Jahre lang, nach OP und damit nach beginnender Abnahme, habe ich meine Körpermaße falsch eingeschätzt und zwar immer als zu groß.

Ich habe Stühle als zu klein, Shirts als zu eng und Durchgänge als zu schmal bewertet. Ich habe im Auto und um Flugzeug gesessen und mich über die gähnende Leere zwischen Lenkrad und Klapptisch gewundert. Ich habe mich nicht in Schaukelstühle gesetzt (kann der mein Gewicht überhaupt halten?) oder Fahrräder als nicht stabil genug empfunden. Sogar heute noch bewundere ich Regelmäßig die Abstände zwischen Sitzmöbeln und Oberschenkelaußenseiten.

Und genauso habe ich nach der Abnahme jahrelang zu zu großen Größen gegriffen. Es gibt viele Dinge, die einem Angst machen können, auf dem Abnehm-Weg nach einer Adipositas-OP und die nie thematisiert werden, diese Fehleinschätzungen der eigenen Körperabmessungen waren für mich eine der beängstigenden Erfahrungen.

Leider bin ich heute wieder, mit meiner Größe, an den Rand der „Bekleidung von der Stange“ gerutscht. Doch für einen kurzen Moment in meinem Leben konnte ich ein wenig „modische Luft“ schnuppern. Und es war ein Triumph sondergleichen. Ich habe es aus tiefsten Herzen genossen – und zu meiner Enttäuschung am Ende doch nichts damit für mich anfangen können.

Sicher heute habe ich mit meiner 46/48 immer noch mehr (Form- und Farben-) Auswahl als mit 64 und doch trage ich immer noch Sporthosen und Shirts.

Ich war mir sicher, dass es mit Größe 42/44 einfach sein wird, einen modischen Menschen aus mir zu machen. Womöglich habe ich aber auch nur gehofft, dass mir das Reiz genug sei, auf dass ich mich ewig beim Essen einschränken kann? Aber leider musst ich erkennen, dass mir Style und modisch am Arsch vorbeigeht. Und, dass das mit dem „auf ewig Essen einschränken können“ so eben nun mal nicht funktioniert.

Natürlich weiß ich – objektiv – dass ich mich, nur weil ich nur, weil ich weniger Körpergewicht habe, nicht automatisch in einen anderen Menschen verwandle. Und doch gärt da – subjektiv – immer noch ein „wenn ich schlank bin“ in mir. Wenn ich einmal schlank bin, dann kann ich zu einer Modeikone aufsteigen. Wenn ich schlank bin, dann kann ich endlich die Bekleidung und den Style wählen, die ich schon immer tragen wollte.

Und dann? Dann habe ich – mal wieder – lernen dürfen, dass ich a) gar nicht zur Modeikone gemacht bin und b) ich schon immer das trage, was ich mag. Sicher, heute kann ich das aus der Gewissheit heraus, es ausprobiert gehabt zu haben, sagen, doch hätte ich einfach mal ein bisschen mehr vertrauen in mich beweisen, dann hätte es diesen „Umweg“, der dazu auch noch einiges an Stress und viel Geld und Zeit gekostet hat, gar nicht gebraucht.

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