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Tischkultur #1

Mir wurde von klein auf beigebracht, dass man beim Essen vor allem eines muss „anständig“ am Tisch sitzen. Anständig beinhaltete, aufrecht und ruhig auf dem Stuhl sitzend (nicht zappeln oder kippeln), die Ellenboden eng am Körper haltend (damit man dem Tischnachbarn nicht die Erbsen von der Gabel stößt) und nie und auf keinen Fall, die Arme auf dem Tisch abstützen. Und genauso habe ich es auch mein Leben lang gehalten und weitergegeben.

Mein Höhepunkt der Dekadenz in Sachen Sitzen am Tisch war der Stuhl mit Armlehnen bei meiner Oma. Dieser war jedoch für meine Großmutter „reserviert“ (was für mich auch völlig in Ordnung war) und nur selten für uns Kinder „frei“. Und ich hatte mir selber einst versprochen, dass, wenn ich groß bin, ich NUR Stühle mit Armlehnen haben werden.

Nun, bis heute hatte ich keinen Stuhl mit Armlehnen. Sondern stets ansehnliche, aber sehr unbequeme Holzstühle, die (außer mit 200 kg Fett um den Hintern herum) nur mit Sitzkissen zu ertragen sind. Aber nicht nur unsere Sitzgelegenheiten schwächeln, auch unser Holztisch.

Auch er ist sehr schön anzusehen, doch biegt sich seine Tischplatte immer mehr durch. So sehr, dass wir uns mit einem zusätzlichen Standbein behelfen mussten, das den Tisch abfängt.

Kurz, wir haben keinen Bock mehr auf die harten Sitzgelegenheiten, auf einen viel zu großen, sich immer mehr verbiegenden Tisch, der darüber hinaus mehr vollgerümpelter Arbeitstisch den Esstisch ist und an dem wir uns, bedingt durch sehr unterschiedliche Berufs-, Uni- und Freizeitaktivitäten kaum noch zusammenfinden.

Mein Mann, der sich schwärmerisch an seine Junggesellenzeit erinnert hat, schlug vor doch aus der Bowl, in unseren Sessel sitzend, zu essen. Was den Vorteil hätte, dass er zum Nachschlag holen in die Küche müsste und keine vollen Schüsseln mehr auf dem Tisch und vor der Nase hätte, die er sich stets gezwungen fühlt zu leeren.

Mein Mann ist ein Teller- und Schüssel-leerer. Er kann nicht anders. Und es koste ihn unheimliche Mühe nicht die Schüsseln nicht leer zu kratzen. Und zwar so sauber, dass ich sie eigentlich zurück in den Schrank stellen könnte. Er hat, die in seiner Kindheit gegebene Botschaft: „Du darfst erst aufstehen, wenn der Teller leer ist“ und „Iss deinen Teller leer, dann scheint Morgen die Sonne“ tief in sich aufgesogen. Für mich hatte sich das Thema mit dem Schlauchmagen, der ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr reinlässt, erledigt. Aber auch ich habe lange unter solchen „Botschaften“ gelitten.

Aus einer „Bowl“ essen und den Nachschlag, wenn dann gewünscht, aus der Küche holen, damit kann ich gut leben. Unsere Sessel sind jedoch für mich keine „gute“ Essenszone. Sie stehen für mich für Entspannung, Ausruhen, Lesen und Filme schauen, aber nichts fürs Essen. Und das will ich unbedingt getrennt halten.

Ich habe die unerfreuliche Neigung, meine wertvollen Kalorien im Stehen herunterzuschlingen und esse viel zu oft im Stehen (in der Küche), vor dem PC (am Schreibtisch) oder beim Filme schauen (früher vor dem TV, heute habe wir einen nicht fest installierten Beamer mit Leinwand, der eher selten genutzt wird). Auch Snacks im Gehen zu verzehren, wenn ich unterwegs bin, finde ich an sich furchtbar. Aber auch hier nehme ich mir nur selten die Zeit mich, solange hinzusetzten.

Eine Ausnahme sind die Pausen beim Reisen mit dem Auto. Hier ist es mir natürlich wichtig mal ein wenig Stehen zu können. Aber darum soll es heute ja auch nicht gehen.

Ich habe also schon vor einer ganzen Weile für mich erkannt, wie wichtig ein, von mir extra dazu ausgewiesenen Bereich ist, wo ich meine Mahlzeiten einnehme. Wobei dieser Bereich für mich nicht ausschließlich den Mahlzeiten vorbehalten werden braucht; was sich ein wenig zu widersprechen scheint, aber in meinem Kopf Sinn macht, solange sich der, von mir ausgesucht Platz, zum Essen „gut anfühlt“.

By the way: wir haben auch in der Küche noch einen Tisch, an dem zwei Personen essen können. In der Regel esse ich dort, und das fühlt sich gut für mich an. Aber wenn wir uns dann tatsächlich mal alle zum Essen zusammenfinden, braucht es eben mehr Platz. Wobei in diesem Fall auch unsere zwei Sessel nicht weiterhelfen.

Aber warum dabei nicht auch gemütlich sitzen? Warum machen wir es nicht wie die halbe Weltbevölkerung und essen im Sitzen auf dem Boden, am Couchtisch, oder auf einem Sofa?

Ein solches haben wir nämlich nicht. Schon seit vielen Jahren nicht mehr. Wir sind nun mal leidenschaftliche Sessel-Sitzer. Und wenn der Esstisch rausflöge, dann wäre da auch Raum genug dafür.

Und von wegen „Bowl“; hier kommt uns entgegen, dass ich schon längst unmerklich dazu übergangen bin mehr und mehr One-Pot-Gerichte zu kochen, bzw. vorzukochen, den auch das funktioniert, nach einigen Startschwierigkeiten immer besser. Aus einer „Bowl“ löffeln? Da bin ich dabei.

Doch wie so oft ist es nicht so ganz einfach sich von alten Denk- und Verhaltensweisen zu verabschieden. Sodass wir schon nun schon eine Weile hin und her überlegen, ob wir zum Essen ohne einem „klassischen“ Esstisch auskommen und wie wir uns damit fühlen würden.

Der erste Einwand, der aufkam, war schnell entkräftet. Was tun, wenn wir Gäste haben? Doch warum sich um Essplatz für mögliche Gäste sorgen? Meine Teller habe ich beim kürzlichen decluttering auf 6 Stück reduziert! Es wäre also durchaus vernünftig beim nächsten Treffen von Freunden oder Familie auf ein Restaurant auszuweichen. Ist sowieso bequemer und gibt der Hausfrau – Gastgeberin ungeahnte Freiheit. Und wer sitzt nicht gerne auf einem Sofa für ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee? Sechs Gänge Menüs servieren wir bei uns eh höchst selten, wenn nicht zu sagen nie. Und nun mal unter uns: Sooo gerne gebe ich nun auch keine Partys zu Hause. Die machen viel Arbeit und sind undankbar, zumindest dann wenn man sie selber organisiert und serviert. Ich habe jedoch immer gedacht, als „gute“ Hausfrau MÜSSTE ich auch Partys geben. Und perfekt sollten sie ein. Stress pur. Also weg damit.

Und überhaupt, wäre es nicht wichtiger das zu tun, was wir wollen? Und nicht das, was wir für andere möglicherweise für nötig halten? Oder was uns als Kinder eingetrichtert wurde? Letzt bin ich auf die Bemerkung aufmerksam geworden, die aussagte, dass es Zeit ist zu tun, was wir wollen. Wir sind erwachsen, unsere Kindheit ist vorbei.

Und vielleicht hat das alles ein wenig damit zu tun, dass wir nun bereit sind uns nicht nur zu entrümpeln, sondern auch von Denk- und Handlungsweisen zu befreien, die für uns längst keine Bedeutung mehr haben. Ich bin kein Kind mehr und muss nicht mehr auf das Hören, was meine Eltern sagen. Ich kann selber entscheiden was ich will. So simpel und doch so kompliziert.

Gestern haben wir das örtliche Möbelhaus ein wenig umdekoriert und Esstische zu Sofas und Stühle zu Couchtischen getragen und ein wenig Probe gewohnt. Ausprobiert, wie es sich anfühlt mit oder ohne Esstisch. Hat Spaß gemacht und war eine amüsante Aktion; wobei wir natürlich auch wieder aufgeräumt haben.

Und nichts hat sich so gut angefühlt, wie eine Couch, mit verstellbaren Rückenlehnen, zum Aufrechtsitzen oder zum gemütlich Lümmeln und einem Couchtisch; für den ich mir auch, für mich, Sitzkissen auf dem Boden sehr gut vorstellen kann. Wobei hier dann wohl auch noch zwei Gäste-PolsterStuhl/Sessel dazu kommen würden; womit die Gästefrage auch schon wieder geklärt wäre.

Nach drei Tagen Probewohnen in diversen Möbelhäusern, sind wir uns ziemlich einig, dass wir alle „Sitz gerade am Tisch“ in den Wind schlagen und es einmal ohne Esstisch probieren möchten. Bisher schaut das alles noch so aus (tatsächlich gerade einmal aufgeräumt und mal nicht entfremdet genutzt, dem kürzlichen declutting sei Dank!)

doch, sobald sich etwas daran ändert, werde ich darüber berichten; also nicht über neues Chaos, sondern natürlich über die wohnliche Veränderung.

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