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Die lügende Bodenschlampe

Die Ernährungsberaterin Daniela Pfeifer bezeichnet eine Körperwaage augenzwinkernd als „Bodenschlampe“. Der US-Amerikaner und keto-Papst Jimmy Moore nennt sie einen „Lügen lügenden Lügner“. Und ich finde, dass beide da eine ziemlich treffende Bezeichnung gefunden haben. Ich selber war leider nie so klug meiner Personenwaage eine Bezeichnung zukommen zu lassen, die sie auch wirklich verdient hat. Aber wie wäre es mit „lügende Bodenschlampe“?

Ich war lange Zeit ein richtiger Waagen-Junkie. Phasenweise stand ich mehrmals täglich drauf, nach dem Sport, nach dem Toilettengang, vor dem Essen, nach dem Essen, vor dem Schlafen und nach dem Schlafen. Ich war absolut abhängig von dem Kick der Waage, die alles versprach und doch nie etwas halten konnte.

Die Waage allein bestimmte darüber, ob es ein guter oder ein schlechter Tag wurde, ob ich mich bestrafen musste (mit Sport oder wahlweise mit mehr Essen) oder ob ich den Tag entspannt angehen konnte und essen durfte. Ich habe sie ebenso gefürchtet, wie angebetet. Und konnte einfach nicht aufhören, sie zurate zu ziehen, schließlich gab es da ja immer die Chance, dass sie mir diesmal gewogen sein könnten.

Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich versucht habe, mir den Nutzen einer Waage gut zureden. Und andere, in den ich sie trotzig missachtet und dem dummen Ding zu beweisen versucht, wie sehr ich auf sie scheiße und mich so richtig dem Rausch des Essens hingegeben. Ich habe Jahrzehnte gebraucht um endlich zu verstehen, was sie ich mir mit ihr antue.

Tatsächlich war es so, dass wann immer ich eine lügende Bodenschlampe den ewigen Jagdgründen übergeben hatte, mit dem Versprechen so schnell keine mehr in mein Leben zu lassen, sich bereits die nächste in den Haushalt eingeschlichen hatte. 5 oder 6 Modelle dürften es nun wohl gewesen sein, die bei Einzug und Auszug gehalten haben.

Das jüngste Mitglied dieser Reihe, die aktuelle Bodenschlampe, steht schon eine Weile nicht mehr im Bad, aber sie hat ein Plätzchen im Schrank im Schlafzimmer gefunden. Sie liegt dort immer noch, weil ich mir einrede, dass ich sie evtl. noch brauchen könnte, zb. wenn ich schwere Dinge, Koffer, große Pakete usw. wiegen möchte (was ich tatsächlich auch gemacht habe). Ich vermute jedoch, dass sie immer noch dort liegt, weil meine masochistische Seite sie so gerne locken hört.

Und das tut sie. Sie ruft mich, doch mal schnell zu schauen, was sie so zu sagen hat – um mich so richtig schön runterzuziehen. Vermutlich ist sie deshalb an Tagen, an denen ich mich so richtig wohlfühle besonders laut. Und ich begreife das nicht. Weiß ich doch, aus bitterer Erfahrung, dass die Bodenschlampe immer ihren Willen bekommt – mal, weil sie mehr anzeigt als ich erwartet habe, mal, weil sie nicht weniger anzeigt und mal, weil sie mir nicht wenig genug anzeigt.

Ich bemühe mich nun schon seit Monaten, oder sind es bereits Jahre?, der Waage fernzubleiben, meine Unabhängigkeit zu lernen und doch kreisen meine Gedanken auch heute noch immer wieder um sie herum.

Der Umfang meiner Abhängigkeit wird mir vor allem dann bewusst, wenn ich einen vorprogrammierten Fressanfall hinnehme, weil ich den einmal jährlich stattfindenden Wiege-Termin bei meiner Ärztin nicht verweigere, sondern dem fast schon mit dieser altbekannten freudigen Erregung nachkomme.

Oder, mich in Gedanken die Waage praktisch schon greifen sehen, nur weil eine liebe Bekannte, die ich schon eine Weile nicht mehr gesehen habe, ein „du hast aber abgenommen, ich habe dich fast gar nicht erkannt“ entgegengeworfen hat. Bye the way, ich empfinde dieselbe Hass-Liebe auch, wenn ich auf mein Gewicht reduziert werde: furchtbar und doch so schmeichelhaft. Aber das ist ein anderes Thema.

Für heute gilt, ich will das nicht mehr und das muss ein Ende haben! Die lügende Bodenschlampe muss aus dem Haus und aus meinem Leben!

Die lügende Bodenschlampe

Da ruht sie nun, die Bodenschlampe!
Danke an meinen Mann, der den dreckigen Job auf sich genommen hat.

Ein paar Gedanken, warum Bodenschlampen Lügen lügende Lügner sind.

Personenwaagen sind technische oder mechanische Geräte, die den Gewichtsverlauf, bzw. die Gewichtstendenz über Zeit aufzeigen können. Sie können ein hilfreiches Instrument zur Gewichtskontrolle sein, wenn man imstande ist, sie als ein solches zu betrachten. Personenwaagen sind jedoch nicht dazu geschaffen, den Wert eines Menschen zu bestimmen.

Die Zahl auf der Personenwaage, sagt auf den ersten Blick, nichts über die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen aus. Erst im Zusammenspiel mit anderen, viel bedeutenderen Diagnosen, zb. metabolisches Syndrom, kann sie bestehende Probleme verdeutlichen.

Die Zahl auf der Waage sagt nichts über die eigene Körperkomposition, den eigenen Körperfett-, Muskel- und Wasser-Anteil im Körper aus. Auch schlanke Menschen können verfette Organe haben, schwabbelig aussehen und Speckfalten am Bauch haben.

Eine Waage weiß nichts über deine Ernährung, den Salz- oder Kohlenhydratkonsum der vorangegangenen Tage. Ein Gramm Glykogen (= die in Lebern und Muskel gespeicherte „Kohlenhydrate“) bindet etwa 3 g Wasser im Körper! Die Waage weiß nicht, wie es um den Nährstoffhaushalt steht und wie es um die Verdauung bestellt ist.

Und eine Waage kennt den weiblichen Zyklus nicht, erkennt keine Menopause und keine Hormone.

Die Personenwaage kann keine Erwartungen erfüllen. Sie kann nicht auf Bedürfnisse eingehen und keine emotionale Unterstützung anbieten. Ganz im Gegenteil, eine Bodenschlampe nimmt keine Rücksicht auf Befindlichkeiten, sondern bietet eine Zahl an, einen technischen Wert, ohne die komplexen Zusammenhängen dahinter in die Angabe miteinzubeziehen.

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