In 8 Tagen von keto und zurück
Theoretisch finden sich im Netz unzählige Tipps, wie man die selbstgewählte Ernährungsform, egal wie weit sie von „normal“ abweicht, auch im Urlaub beibehalten kann. Dem low carber fehlt es in der Regel also nicht an Vorschlägen und Ideen, wenn man sich in den Urlaub aufmacht.
Praktisch habe in den vergangenen Jahren viele davon ausprobiert und immer in der Abhängigkeit von der gewählten Urlaubs-Variante, Hotel, Ferienwohnung, Wohnwagen usw. mal mit, mal mit weniger Erfolg durchgeführt.
Stressig war das immer, denn die Vorbereitungen dazu waren zum Teil irrwitzig aufwendig und die Ausführung in vielen Fällen höchst umständlich. Und trotz meiner oft generalstabsmäßigen Vorbereitung bleibt da stets die eine Herausforderung, der „Urlaubs-Gönner- Modus“. Aber dazu später mehr.
Low carb im Restaurant?
Ich gehöre nicht zu denen, die behaupten können, dass es in Restaurants oder Hotels gut läuft mit dem außerplanmäßigen Wunsch nach einer kohlenhydrat-armen Mahlzeit. Nach meiner Erfahrung funktioniert das von 10 Fällen nur bei 2 einigermaßen gut. Zudem kommt hinzu, dass mich eine andere Küche selten geschmacklich überzeugen kann. Das liegt per se nicht an der Küche, sondern eher der Art minimalistischer Zubereitung, die ich mir in den letzten Monaten angewöhnt habe.
Besteht im Urlaub die Möglichkeit mich selber zu versorgen (etwa in einer Ferienwohnung) oder von einem Buffet zu wählen (in einem Hotel), so komme ich mitunter recht gut über die Runden; obwohl mich ein Buffet-Konzept noch vor ganz andere Probleme stellt (es triggert mich mehr zu essen als mir guttut, siehe „Madeira Cheatdays“).
Aber auch ich fahre gerne in den Urlaub und hege dann das Bedürfnis rundum versorgt zu werden. In diesem Jahr haben wir uns einen lang gehegten Wunsch erfüllt, eine Flussschiffkreuzfahrt: All inkl. und Menüs am Tisch serviert, Plus „Urlaubs-Gönner-Modus“ – da war mir von vorneherein klar, dass an low carb wohl eher nicht zu denken ist und die Auszeit sich kohlenhydrat-technisch wahrscheinlich nicht „clean“ gestalten wird.

Eine Flusskreuzfahrt im Oktober, etwas frisch, aber immer schön.
Der Urlaubs-Gönner-Modus
Warum Urlaub essenstechnisch für mich nie so abläuft wie geplant, liegt nicht nur daran, dass es für die „Welt“ nun mal „normal“ ist (viele) Kohlenhydrate zu konsumieren und es mitunter Stress bedeutet, sich dagegen aufzulehnen, sondern auch am „Urlaubs-Gönner-Modus“, in dem ich mich regelmäßig wiederfinde.
Ein „Urlaubs-Gönner-Modus“ umfasst für mich nicht nur den Wein zum Essen, sondern auch die Pfannkuchen und Pommes in Holland und die Praliné (mein Tipp: Pralines Elisa, Grote Markt 2, Antwerpen – unbedingt die Pralinen mit der Buttercreme-Füllung probieren!) und Eiscreme in Belgien.
Kann ich mit dem „Gönner-Modus“ im Alltag recht gut umgehen, so fühle ich mich im Urlaub (noch immer) vollkommen machtlos dagegen. Und in diesem Jahr habe ich zum ersten Mal, seit ich low carb bin, nicht dagegen angekämpft. Ich hätte auch nicht die Energie dazu gehabt, so dringend habe ich diese Auszeit gebraucht. Für mich gab es so keine Vorbereitungen, kein Verbiegen, keine Sonderwünsche (was bei den Sprachbarrieren beim Servicepersonal eine ganz eigene Herausforderung gewesen wäre) und kein Stress. Ich habe gegessen, was mir angeboten wurden oder mich angesprochen hat und nicht weiter darüber nachgedacht.
Auch wenn sich mein „Gönner-Modus“ ein Buffet-Konzept auf dem Schiff gewünscht hätte, so war es letztendlich doch positiv, dass die Mahlzeiten in appetitlich angerichteten, aber „überschaubaren“ Portionen (aka perfekte Schlauchmagen-Mengen) dargeboten wurde. Zudem wurde sie mir regelmäßig kredenzt; etwas was ich, wie bereits thematisiert, zu Hause bisher nicht in den Griff bekommen habe.
Was ich besonders spannend fand, war, dass mir in diesem Urlaub das erste Mal alles nur halb so attraktiv vorkam, wie erhofft; okay, ja, die Croissants und die Praliné ausgenommen.
Und der Zuckerfrei-Plan?
Während ich in meinen ersten low carb Jahren jedweden Zucker verweigert und derweil mein Verhalten offen kommuniziert habe, den Kuchen an Omas Kaffeetisch stehen lassen, um die abbestellten, aber trotzdem servierten, Kohlenhydrate im Restaurant herumgegessen oder einfach mein eigenes Essen mitgebracht habe, so äußere ich mich heute nicht mehr zu meinem Essverhalten und wäge im Stillen ab, ob ich den Stress hinnehme, meine Ernährung gegen alle Hindernisse zu verteidigen oder die Folgen.
Nach allem, was ich über Zuckersucht und Abhängigkeit gelesen habe, gehe ich davon aus, dass Fachleute dringend davon abraten würden mögliche Folgen hinzunehmen, sondern die Ernährung konsequent weiterzuverfolgen. Ich habe mich trotzdem dafür entschieden. Es erschein mir einfacher einen Wiedereinstieg in meinen Zuckerfrei-Plan hinzunehmen als den für mich damit verbundenen Stress. Ergo, diese Woche war eine Auszeit für den Status „Zuckerfrei“.
Nebenwirkungen
Es hat etwa 2 Tage gedauert, bis die Klarheit in meinem Kopf gänzlich verschwunden und einem dichten Nebel gewichen war. In den folgenden Tagen musste ich feststellen, dass meine Söckchen mehr und mehr an den Beinen eingeschnitten haben und ich mich allgemein steifer gefühlt habe. Auch an meinem Gesicht konnte man die Wassereinlagerungen deutlich sehen. Letztendlich waren sie vor allem in meinen Beinen enorm. Am 4. Tag unter Kohlenhydraten sind die ersten Pickel in meinem Gesicht erblüht. Mögliche allergischen Reaktionen (zb. eine Histamin-bedingte Migräne) habe ich von vorneherein mit der regelmäßigen Einnahme von Antihistaminika unterdrückt.
Ich wurde jeden Tag etwas erschöpfter und müder und schlief schlecht (was evtl. auch an der, sehr leichten, aber doch spürbaren Bewegen auf dem Wasser lag, wenn das Schiff nachts Fahrt über den Rhein aufgenommen hat).
Schlauchmagen hin oder her, ich durfte wieder einmal feststellen, dass ich ein oder zwei Kaffeestückchen relativ schnell futtern kann. Ich habe mich nach dem Genuss zwar schmerzhaft voll gefühlt, satt haben sie mich jedoch nicht gemacht. Das ist anders, wenn ich regelmäßig nur Protein und Fett auf dem Teller habe. Dann fühle ich mich deutlich schneller (und länger) satt, und zwar ohne die unangenehme Völle. Den Rest eines Steaks kann ich liegen lassen, wenn ich mich satt fühle, den Rest eines Gebäckstückes nicht, egal wie voll ich bin.
Woran es auch immer lag, der entspannte Urlaubsmodus (?) oder die regelmäßigen Mahlzeiten, meine Verdauung lief wie am Schnürchen und sogar der Reflux hielt sich in Grenzen – bis ich wieder zu Hause war und die Rache meines Darms zu spüren bekommen habe. In den ersten 48 Stunden war dann alles dabei, was mir so zu Magen- und Darmprobleme einfällt. Es schien fast so als ob mein Verdauungstrakt sich, solange er nicht zu Hause war, von der besten Seite gezeigt hätte, dann jedoch die Kraft verloren weiterhin den Guten zu mimen. Heute, fast eine Woche später hat sich zum Glück wieder alles beruhigt.
In den ersten Tagen wieder zu Hause habe ich mich eher moderat low carb ernährt, schließlich hatten wir noch einen Rest belgische Pralinen zu genießen!, und gegen Ende der Woche war ich wieder bei der ketogenen Ernährung, die ich bereits seit Wochen verfolge. Nachdem ich mehrere lange Nächte meinen Kohlenhydrat-Rausch ausgeschlafen hatte, kam auch die Klarheit und die Energie zurück. Auch das Wasser ist heute größtenteils wieder raus, was ich deutlich an meiner Bekleidung spüre.
War es das wert?
Wie es bisher den Anschein hat, habe ich diese Kohlenhydrat-lastige Woche bis auf ein paar Blessuren gut hinter mich gebracht. Ich habe darüber nachgedacht, ob meine bisher unproblematische Rückkehr zum Ernährungs-Alltag, womöglich in der Tatsache lag, ich mir das erste Mal in vielen Jahren keinen Stress wegen des Essens in der Urlaubswoche gemacht habe, dann jedoch konsequent und ohne Ausreden zu finden, zu meiner Ernährung zurückgekehrt bin. Das hat in den ersten Tagen Disziplin gebraucht, doch mittlerweile läuft es wieder von alleine.
War es den Ausflug mit seinen Folgen also wert? Ja, weil ich die Ablenkungen dieses Urlaubs dringend gebraucht habe, jede Minute genossen habe und einfach nur glücklich darüber war, dass jemand anderer sich um meine Mahlzeiten und mein Wohlbefinden gekümmert hat.
Aber ist das eine gute Strategie für die Zukunft? Werde ich nach so einer Woche auch beim nächsten Mal wieder so relativ einfach zu meiner Ernährung zurückfinden? Nun, wir werden es sehen, denn die nächste Bewährungsprobe folgt bereits in 14 Tagen.