Der hat es einfacher ….
Manchmal bin ich wirklich erstaunt, was so aus meinem losen Mundwerk kommt. Zu reden, bevor ich darüber nachgedacht habe, wurde mir schon oft vorgeworfen. Ein Teil dieser Anklagen dürfte aus unerheblichen Situationen und der Gewohnheit heraus mich zu ermahnen gekommen sein. Doch ich will nicht bestreiten, dass ich hin und wieder tatsächlich rede, ohne nachzudenken. „Der [Reiner Calmund] hat es einfacher, weil … er ein Promi ist“, war so eine Stilblüte.
Vielleicht hätte ich sagen können „Der hat es einfacher, weil er ein Mann ist.“; was keine Unterstellung, sondern ein Fakt gewesen wäre. Oder ich hätte sagen können „Seien Sie vorsichtig, was die Presse erzählt, er [Reiner Calmund] hat es bestimmt nicht einfach.“; was eine Vermutung wäre, aber doch recht wahrscheinlich. So im Rampenlicht zu stehen und genau beobachtet zu werden, dürfte dem Erfolgsdruck noch eine Schippe drauflegen; vorausgesetzt man ist der Typ, der auf einen solchen sensibel reagiert.
Dabei weiß ich es eigentlich besser, weil ich es auch schon gesagt bekommen habe. „Du hast es einfach, weil … du eine Adipositas-OP hast und dir abnehmen deswegen so leichtfällt“ oder „Du hast es einfach, weil … du Durchfall von Kohlenhydraten bekommst und dir deswegen low carb so einfach fällt“. Puh, was für ein Glück, da bin ich wohl nicht die Einzige, die nicht frei von Neid ist.
über Medien und Menschen
Aber ich will heute noch auf ein anderes Thema hinaus, deswegen zurück zur Darstellung und der Wahrnehmung eines Adipositas-OP Patienten in der Öffentlichkeit. In diesem Jahr bin ich gleich zweimal, von verschiedenen Medien zur Mitwirkung in einem Beitrag gebeten worden. Beim ersten Mal handelte es sich um eine Produktion für den SWR und beim zweiten um ein Interview für einen Artikel (Stand heute, eines noch nicht veröffentlichten Artikels). Für beide Beiträge hatte ich Ansprechpartner, die nicht operiert waren und nur in einem Fall Probleme mit dem eigenen Übergewicht hatten. By the way, es wäre durchaus einmal interessant zu erfahren, wie Adipositas-operierte Journalisten innerhalb ihrer Arbeit mit dem Thema umgehen?
Der SWR-Beitrag wurde im ersten Halbjahr dieses Jahres im TV gesendet. Und ich war irgendwie erleichtert darüber, dass ich seine Ausstrahlung verpasst habe. Freunde, Bekannte und Verwandte (allesamt nicht operiert) hingegen haben ihn gesehen und waren begeistert. Sie bestätigten mir, dass ich sympathisch rüberkäme und man hier deutlich sähe, wie weit ich gekommen und was ich alles geschafft hätte. Zudem hätte man in dem Beitrag auch noch etwas lernen können. Von Operierten hingegen hagelte es Kritik. Ich sei gar nicht ich gewesen, hätte Unsinniges von mir gegeben und der Beitrag hätte überhaupt nicht verstanden, um was es bei einer Adipositas-OP überhaupt ging.
Nur um das zu klären, vor einer Kamera zu stehen, war das Stressigste, was mir bisher in meinem Leben passiert ist. Ich war nach diesem einen Drehtag völlig ausgebrannt und komplett aus dem Gleichgewicht. Ich habe eine Woche lang gebraucht, um mich davon zu erholen und wieder zu mir zurückzufinden. Ich habe so neben mir gestanden, dass ich mich kaum noch an das erinnern kann, was ich an diesem Tag alles gesagt hatte. Und dass, obwohl das gesamte Team äußerst geduldig, hilfreich und sehr freundlich war – und ich versucht habe jedes Wort zu überdenken und abzuwägen, bevor ich es ausgesprochen habe.
Ich habe im Vorfeld sehr intensiv darüber nachgedacht, ob ich überhaupt eine Teilnahme zu einem TV-Beitrag zusage. Aus Erfahrung wusste ich – ich durfte vor einer Weile eine ebenfalls operierte Freundin durch ein Casting (bei dem ich lediglich Beobachter war) zu einer RTL-Show begleiten – dass es mir nicht möglich wäre, ich zu bleiben. Sobald Kamera und Ton laufen, übernimmt die Nervosität und eine fremde Seite der eigenen Persönlichkeit schiebt sich in den Vordergrund.
Das habe ich bei meiner Freundin beim Casting erlebt, die dabei eine Art „liebes Mädchen“-Version von sich an den Tag gelegt hat, die ich von ihrem frech-quirligen Mundwerk überhaupt nicht gewohnt war. Und ich wusste, dass auch mir das passieren würde. Letztendlich bin ich dann doch der Möglichkeit erlegen, etwas, über ein für mich wichtiges Thema sagen zu dürfen, und habe zugesagt.
Meine zweite Begegnung mit den Medien war dagegen deutlich entspannter. Dabei handelte es sich „nur“ um ein Telefon-Interview, ich durfte den Artikel vor der Veröffentlichung gegenlesen und eine sehr entspannte Fotosession, mit einem professionellen Fotografen genießen. Auch in diesem Fall hatte ich natürlich keinen Einfluss darauf, in welche Richtung der Artikel am Ende tendieren würde, doch diesmal konnte ich ganz ich-selbst bleiben. Sicher, nervös war ich schon und gequasselt habe ich auch. Was mich zurück zu meiner Aussage über Reiner Calmund bringt, die ich bei dieser Gelegenheit zum Besten gegeben habe,
Ich gehe davon aus, dass Reiner Calmund die Aufmerksamkeit der Medien gewohnt ist und nicht anfängt seltsames Zeug von sich zu geben, sobald eine Kamera auf ihn gerichtet ist. Und doch war ich neugierig und wollte wissen, ob sie den Druck verstärkt, seine Operation zu einem Erfolg zu machen?
Ich habe das Büro von Reiner Calmund dazu um einen Kommentar gebeten. Hat es „Reiner Calmund hat es einfacher, weil … er ein Promi ist“?
Hier die Antwort: „Bezüglich der Magen-OP – hier ist nicht die Frage, ob es einfacher war: er [Reiner Calmund] sieht sich als Jemand, der den Betroffenen sagt: „Schau mal, ich habe es jetzt in die Hand genommen und mir geht es besser, wenn ihr über so eine OP nachdenkt, dann lasst Euch doch gerne beraten.“ Auch hier hat Herr Calmund, wie wahrscheinlich Andere auch, Anfeindungen erhalten, so nach dem Motto: „Na ja, mit so einer OP kann ja Jeder abnehmen“. Aber auch das hat ihn genauso wenig gestört, wie damals als er noch dick war.“
Was mich betrifft, so spannend ich die Erfahrung auch empfand und so viel ich dabei auch über mich gelernt hat, meine Neugier ist befriedigt und mein Bedarf an „5 Minuten Ruhm“ ist fürs Erste gedeckt. Vor allem aber hat mir das alles einmal mehr vor Augen geführt, wie unglaublich schwierig es ist, nicht-operierten und/oder nicht von Adipositas betroffenen Menschen ein Leben mit Adipositas oder mit einer Adipositas-OP näherzubringen. Wie eine Freundin unlängst zu mir sagt: „Du kannst mir ja auch nicht erklären, wie es ist schwanger zu sein, oder? Ebenso wenig kann ich begreifen, was es bedeutet, operiert zu sein.“
PS: Vielen Dank an das Büro von Reiner Calmund für die freundliche und schnelle Rückmeldung.