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Ein bisschen low carb

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Ich stoße immer wieder auf low carb-Interessierte, die mit dieser Ernährungsform abnehmen möchten, sich in der Folge jedoch, mit bisschen low carb versuchen durchzulavieren. Mich bedrückt das, weil ich glaube, dass ihr Problem wo ganz anderes liegt. Nämlich darin, dass sie tief in ihrem Inneren und trotz besseren Wissens, immer noch auf der Suche nach der Wunderpille sind. Sie suchen die Vorteile, ohne Veränderungen vornehmen zu müssen.

Das mag in mancher Hinsicht eine kluge Vorgehensweise sein, doch in puncto dauerhafte Gewichtsabnahme funktioniert das so nicht. Doch weil ich selber auch so gedacht habe und auch heute noch immer wieder in diese Denkfalle tappe, kann ich das gut nachvollziehen.

Doch, ein bisschen low carb, um einen nachhaltigen Gewichtsverlust zu erzielen,
ist wie ein bisschen schwanger, um ein Kind zu bekommen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die tägliche Kohlenhydrat-Zufuhr rein rechnerisch zu reduzieren, für alle Menschen von gesundheitlichem Nutzen sein kann. In unserer modernen Ernährung nehmen wir alle zu viele Kohlenhydrate zu uns, in ungünstigen Kombinationen, mit zu viel Fett und zu wenig Proteinen.

Wenn wir uns also um die Reduktion von Kohlenhydraten aus allgemein gesundheitlichen Gründen bemühen und morgen an der Kaffee- und Kuchentafel von Freunden oder Familie teilhaben möchten, kann es sinnvoll sich heute etwas mit den Kohlenhydraten zurückzunehmen um auf Dauer eine gesunde Balance zu halten.

Dann wird man vermutlich auch ganz gut damit durchkommen, sich hier und da ein Eis zu gönnen oder hin und wieder Pasta beim Italiener zu genießen. Wenn man jedoch Körpergewicht verlieren möchte und/oder eine adipöse Historie hat und/oder eine Essstörung vorliegt, wird man mit dieser Strategie vermutlich nicht weit kommen.

Sicher in der ersten Euphorie eine neue Diät oder Ernährungsumstellung anzugehen, wird man vermutlich ein paar Erfolge erzielen können (die in der Regel an der, aus der Motivation geborenen Kalorienreduktion liegt), doch um welchen Preis? Dass man sich damit quält sich die leckeren Beilagen vorzuenthalten, die man so gerne isst? Und am Ende das verlorene Gewicht eh wieder zunimmt? Warum dann nicht die Beilagen beibehalten und einfach die Kalorien reduzieren? Also auf eine klassische Reduktionsdiät setzten?

Ach, das habe man schon probiert und es hat in der Vergangenheit auch nicht funktioniert? In den meisten Fällen bedeutet das darauf hin, dass hier ein ernsthaftes Gewichts- oder Essproblem vorliegt. Warum also nicht endlich mal aus der Komfortzone treten, Gewicht abnehmen und halten? Meiner Meinung ist dafür eine dauerhafte kohlenhydrat-arme Ernährung wie geschaffen. Doch das Mindset dazu muss stimmen.

Was, nie wieder Brot oder Pasta? Unter Umständen schon, das kommt es sehr individuell auf den Menschen an. Wie bereits gesagt, ich beziehe mich hier nicht auf die 5kg weniger, die es zur perfekten Figur, eines ansonsten gesunden Menschen benötigt. Sondern für Menschen wie mich, die die meiste Zeit ihres Lebens adipös waren, Essstörungen ausgebildet haben oder chronisch krank sind. Patienten, wie ich, bekommen das nicht mit ein bisschen low carb hin. Und unter Umständen müssen wir uns für immer vom Eis oder der Pasta beim Italiener verabschieden. Für mich gibt es keine Wunderpille, die das möglich macht.

Ich bin mir heute sicher, dass Essstörungen „gute“ und „schlechte“ Lebensmittel kennen. Kohlenhydrate machen etwas mit mir, was Fleisch, Eier und grünes Gemüse nicht macht. Was bringt es mir also, wenn ich mir immer wieder Ausnahmen gönne, Ersatz aka Nachbauten bastele, mich aber nach wie vor nach dem Original sehne (und mir das dann auch im Zweifelsfall gönne)?

Zwischenbemerkung

Wie am Inhalt dieser Homepage unschwer zu erkennen ist, hege ich eine große Liebe zu süßen Nachbauten und es macht mir großen Spaß mich darin auszuprobieren und Nussmuffins und Fatbombs zuzubereiten.

Indem ich mir immer reichlich Nachbauten als Ersatz für meine Suchtbefriedigung vorbehalten habe, habe ich einen eher klassischen, aber bei weitem nicht den besten Einstieg, in die low carb Ernährung gewählt.

Erst heute erkenne ich so langsam die Probleme, die ich mir damit eingehandelt habe: ich habe meine Zucker-Sucht lediglich mit einer Eryrith-Sucht vertauscht, dabei jedoch nie an dem grundlegenden Problem gerüttelt.

Doch zurück zum richtigen Mindset: Inwieweit bin ich bereit, meine Definition von Frühstück, Mittagessen und Abendbrot oder einer klassischen Menüaufteilung, in Fleisch, Gemüse, Beilage und Soße zu hinterfragen oder zu verändern?

Will ich Brot mit Butter und Marmelade zum Frühstück (weil ich das so gewohnt bin und meine Gewohnheit nicht ändern will), satt Eier mit Speck, dann bin ich vielleicht (noch) nicht bereit, zur Umstellung auf eine Kohlenhydrate-arme Ernährung.

Essstörungen verlaufen progressiv, habe ich gelernt und das deckt sich absolut mit meinen eigenen Erfahrungen. Und damit auch, dass jeder Mensch einen anderen Wendepunkt hat, an dem der Schmerz so stark und der Druck so hoch ist, dass man ernsthaft bereit ist für Änderungen. Und vielleicht ist dann ja der richtige Zeitpunkt über eine kohlenhydrat-arme Ernährung nachzudenken, die über ein bisschen low carb hinausgeht.

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