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Von Rückblicken und Ausblicken

Vielleicht ist es ein Phänomen eines jeden Jahresanfangs, doch gerade um diese Zeit herum denke ich oft über den Weg, nach den ich bisher zurückgelegt habe. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass ich die Veränderungen der letzten Jahre aus den Augen verliere. Als ich gefragt wurde, was ich heute anders mache und ob das alles Disziplin bräuchte, wusste ich zunächst nichts zu antworten. Was sollte ich anders machen? Ich mache doch alles wie immer. Und Disziplin? Ein zu negatives belastetes Wort, das ich aus meinem Wortschatz gestrichen habe.

Wenn ich auf meine tägliche Bewegung achte, meine Essensmenge im Auge zu behalten oder meine Nahrungsergänzungen einnehme, dann verbinde ich das nicht mit einem disziplinierten Verhalten, sondern mit der Freude darüber daran, dass ich es mir heute möglich ist. Das „muss“ ist für mich zu „wollen“ geworden. Dabei bin auch ich nicht perfekt. Es gibt Zeiten, da liege ich auf „der faulen Haut“ und esse zu viel. Doch das Streichen von „Disziplin“ und „muss“ hat bei mir erreicht, dass ich immer über „wollen“ zurückfinde. Für mich ein grandioser Sieg über ein ehemaliges, für mich schädliches Mindset.

Doch gerade weil so viel alltäglich geworden ist, kann so ein Rückblick auch überraschendes bieten. In selbem Gespräch kam die Frage auf, welches der Fotos auf der Homepage mir näher wäre, das aus dem Jahr 2013 (mit Höchstgewicht) oder das aus dem Jahr 2017 (mit Tiefgewicht). Zu meiner eigenen Überraschung hörte ich mich, ohne zu zögern sagen, dass es das aus dem Jahr 2017 sei, in dem ich mich wieder erkenne.

Meine eigene Antwort hat mich fasziniert, weil ich noch vor nicht allzu langer Zeit immer noch von meinem Spiegelbild überrascht wurde, wann immer mein Blick zufällig darauf fiel. Ich schließe daraus, dass sich nicht nur mein Mindset geändert hat, sondern auch meine Wahrnehmung von mir selbst; etwas, was ich befürchtet hatte, dass es nie eintreten würde. Fast 8 Jahre und ein Bild aus der Vergangenheit hat es dazu gebraucht.

Das sind die Gründe dafür, warum ich heute sehr dankbar bin, dass ich vieles im Detail nicht nur protokolliert, sondern auch in Bilder festgehalten habe. Diese Bilder mögen heute vielleicht unangenehm, peinlich oder auch schmerzhaft anzuschauen sein, doch entstehen daraus mitunter auch erstaunliche Erkenntnisse.

Ich frage mich nun, ob so ein Blick zurück mir auch dabei helfen kann meine Ziele für die Zukunft zu entwickeln. In den letzten zwei Jahren bin ich mehr oder mindert ziellos durch meine Ernährung und meine alltägliche Bewegungsroutine geschlingert, ein unbefriedigender Zustand, der mich nirgendwo hingebracht hat. Ich will aber nicht dort stehen bleiben, wo ich bin. Ich mag Herausforderungen und begrüße Veränderungen und Weiterentwicklung.

Ein Rückblick

Im Januar 2014 steige ich ins low carb ein und kann bereits damals erkennen, dass ich hier eine Ernährungsform gefunden habe, die mir guttut. Und im März desselben Jahres kann ich bereits erste Abnehmerfolge feiern.

Von Rückblicken und Ausblicken

2013 05 = 196 kg (Höchstgewicht)

[Status quo] etwas mehr als eine Woche vor Schlauchmagen OP

2014 03 = 186 kg

Meine Schlauchmagen-OP folgt im Juni 2014, mit einem Gewicht von 169 kg. Ein sehr genauer Blick auf meine Notizen und Bilder zeigt mir dann eine zunächst langsame, nie gradlinige, aber doch kontinuierliche Abnahme.

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2014 07 = 162 kg

Anke klein b

2014 09 = 151 kg

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2015 03 = 115 kg

Ab dem September 2015 beginnt sich mein Gewicht um die 100 kg herumzubewegen. Dieser „Stillstand“ kam ganz natürlich zustande, dh. ich habe bis zu diesem Zeitpunkt, ohne groß darüber nachdenken zu müssen, meine kohlenhydratarme Ernährung weiterverfolgt und im Schutz der Wirkung der OP gegessen, ohne darüber nachzudenken.

Doch die Angst alles sofort wieder zuzunehmen ist groß. Kein Wunder, ich hatte zuvor in unzähligen Diäten gelernt, dass nichts hilft und mein Gewicht immer wieder zurückkommt. Mir war zu diesem Zeitpunkt nichts wichtiger als endlich sicheren Abstand zu der bedrohlichen dreistelligen Zahl auf der Waage zu bekommen. Deswegen habe ich im Juli 2016 mein „Fettlogik“-Experiment gestartet, eine Kalorienreduktion auf Grundumsatz, auf der Grundlage von selbst berechneten und beobachteten Daten. Und es hat funktioniert. Ich konnte den Gewichtsstillstand durchbrechen.

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2015 08 = 102 kg

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Anke 2015 09 = 100 kg

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2016 08 = 94 kg

Doch noch immer erschien mir der Wert nicht weit genug weg. Ende desselben Jahres habe ich den dann noch eine ketogene Phase daraufgesetzt und es bis auf meinen Gewichtstiefstand von 86 kg geschafft – nach Einschätzung meines Chirurgen eine großartige Leistung. Dank dafür, denn gebracht hat es mir im Nachhinein nichts.

Von Rückblicken und Ausblicken

2017 03 = 86 kg

Tatsächlich habe ich das Gewicht nur für einen sehr kurzen Zeitraum halten können, dann ging mein Weg wieder nach oben. In den folgenden Monaten und Jahren habe ich verzweifelt versucht die zugeführte Energie auf 1600 Kalorien einzupendeln und dabei 6 Tage die Woche Kraftsport zu machen. Doch nichts half. Mein Körper war ausgebrannt und ich des Themas müde. Jojo-Effekt nennt man das und niemand hat eine Chance dagegen anzukommen. Willentlich etwas gegen die lebenserhaltenden Maßnahmen des Körpers auszurichten, scheitert über kurz oder lang. Ende des Jahres war ich wieder bei 90 kg, ein Jahr später, im Dezember 2017 bei 104 kg und damit wieder dort, wo ich auf „natürliche Weise“ nach der OP hingekommen war.

Heute bin ich froh darum, dass ich es Anfang 2020 geschafft habe, mit der Motivation eines online-Kurses wieder ins low carb einzustiegen. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass ich in den Jahren 2015 bis 20 vieles „kaputt“ gemacht habe. Denn der low carb-Effekt, den ich mit meinem Einstieg im Jahr 2014 noch so positiv erlebt hatte, blieb aus. Im Juni 2021 zeigte die Waage meiner Ärztin 113 kg.

Ich musste bis auf eine nahezu Kohlenhydrat-freie Ernährung heruntergehen, bis sich überhaupt irgendetwas an meinem Gewicht bewegt hat. Und obwohl ich mich damit großartig gefühlt habe, haben sich mit einem Mal gesundheitliche Probleme den Weg an die Oberfläche gebahnt, die zwar schon immer da waren, jetzt aber erst offensichtlich wurden, etwa höchst unangenehme Histaminreaktionen. Aber auch ernst zu nehmende Probleme mit meinem Elektrolyt-Haushalt traten auf, die sich auf meinem Kreislauf ausgewirkt haben. Und zum ersten Mal innerhalb meiner Reise wurde mir deutlich, dass es wichtigere „Baustellen“ gibt, die ich zu bearbeiten habe. Ich habe also angefangen meine (Darm-)Gesundheit in den Fokus rücken und das Abnehmen hinten anzustellen.

Ein Ausblick

Was bedeutet das für mich? Nun, zu den 1600 Kalorien und 6-mal Sport in der Woche möchte ich definitiv nicht mehr zurück. Zudem kommt für mich aktuell nicht infrage irgendwelche Zahlen zu tracken, sei es nun die Waage, Kalorien oder Kohlenhydrate. Würde ich trotzdem gerne wieder 86 kg wiegen? Ja.

Ich bin jedoch überzeugt davon, dass diese Zahl „natürlich“ zu mir kommen muss, schließlich habe ich es mit Herunterdiäten versucht und bin (wieder einmal) daran gescheitert. Heute stehe ich genau wieder dort, wo ich nach OP hingelangt bin. Die darauffolgenden Jahre mögen eine gute Schule gewesen sein, doch ich hätte sie mir ersparen können.

Es hat sehr lange gedauert und einen Umweg gebraucht, bis ich Frieden mein Gewicht (das vielleicht nie wieder 86 kg anzeigen wird) schließen konnte. Auch, wenn es nach Meinung meines Chirurgen vielleicht immer noch zu viel ist, um nachhaltig zu sein, schließlich wird niemand jünger. Ich verstehe das. So mag es zwar auf dem Papier immer noch bedeuten, dass ich übergewichtig bin, doch im Kopf fühlt es sich nicht mehr so an.

Was also steht nun an? Ein immer besseres Gespür für meinen Körper zu bekommen, Bedürfnisse erkennen und sie „artgerecht“ zu decken. Damit auch Regelmäßigkeit und Beständigkeit in meine Ernährung zu bringen. Erholsamen Schlaf zu finden und auf Bewegung im Alltag und Spaß beim Sport zu achten. Zu dem Paket gehört auch, mich von Dogmen zu lösen, die mir nicht guttun; der dienliche Rest mag ruhig bleiben.

Stichwort: regelmäßige Mahlzeiten, statt Snacks.

Stichwort: Süße aus meiner Ernährung raushalten. In diesen Bereich fallen auch Auszugsmehle, reine Stärke und generell hochverarbeitete Lebensmittel. Je mehr ich davon weglasse, um zu deutlicher zeigt sich, wie problematisch diese Lebensmittel für mich sind.

Stichwort: wie viel low carb braucht es für mich, um mich wohlzufühlen. Ich muss die Situation neu bewerten, denn was früher für mich funktioniert hat, funktioniert heute nicht mehr.

Stichwort: Schlafhygiene.

Stichwort: der täglichen Bewegung wieder mehr Beachtung schenken.

Stichwort: Immer daran zu denken, dass Leben für jeden in einem anderen Bereich der Skala liegt. Dogmen zu folgen, hilft nicht dabei, den persönlichen Punkt auf dieser Skala zu finden.

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