Warum ich? – ein Erklärungsversuch
Eine Theorie zu Übergewicht und Ess-Sucht
Ich habe mich 2014 für eine Adipositas OP entschieden, weil ich mich in einem so krankhaften Zustand befunden habe, aus dem ich nicht anders herauskommen konnte. Und wahrlich, ich habe es versucht! Vielleicht habe ich deswegen, die Entscheidung auch noch keinen Tag bereut. Damals habe ich mir jedoch zwei Dinge versprochen, Ehrlichkeit (deswegen dieser Blog) und Erklärungen (warum bin ich übergewichtig und warum ist Essen ein so großes Thema für mich?).
Obwohl ich gerne Neues lerne und an vielem interessiert bin, lerne ich nicht leicht (auch dafür habe ich mittlerweile eine mögliche Erklärung gefunden, aber das ist ein anderes Thema). So braucht es für mich immer eine Weile und verschiedene Betrachtungsweisen eines Themas, damit ich Wissen aufnehmen kann. Und dann braucht es die Momente der Erleuchtung, in denen sich die einzelnen Puzzleteilchen zusammenfügen und ein sinnvolles Bild ergeben. Gestern Abend war so ein Moment.
Ich lese gerade Dr. Med. David Ludwigs „Nimmersatt“, das er 2016 geschrieben hat und in dem er seine „Diät“, also die Ernährung, die er sich für seine Patienten wünscht, vorstellt. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Fettzellen-Theorie zu Adipositas (also nicht das Überessen lässt die Fettzellen wachsen, sondern sie wurden auf Wachsen programmiert (zu viel Insulin), und deshalb essen wir zu viel). Zur Vervollständigung, im Gegensatz dazu steht die Theorie des kalorischen Gleichgewichts (Kalorien rein = Kalorien raus), an der nach wie vor festgehalten wird (Ernährungspyramide, Kalorienzählen, high carb-low fat), obwohl sie angesichts der stark gestiegenen Zahlen von Adipositas und Diabetes Typ 2 eine Sackgasse darstellt. Für mich hat sie auch nicht funktioniert.
Übrigens, bereits 2010 hat der Wissenschaftsjournalist Gary Taubes die Fettzellen-Theorie zu Adipositas in seinem Buch „Warum wir dick werden“ ausführlich behandelt. Siehe dazu: Gary Taubes – Warum wir dick werden. Gary Taubes Buch hat die Grundlage für mein Wissen gelegt, doch erst der Blickwinkel von Dr. Ludwig hat mich das alles verstehen lassen. Und damit auch, warum ich dick geworden bin.
In diesem Zusammenhang fand ich auch die Untersuchungen zum Insulin sehr interessant, von dem manche Bauchspeicheldrüsen grundsätzlich mehr produzieren als andere, zum Mikrobiom, das je nach Zusammensetzung fähig ist, auch noch das letzte aus Nahrung herauszuholen, zu genetischen Dispositionen (familiär bedingte Adipositas) und zu gesellschaftlichen Studien (sozial-bedingte Adipositas). Ich weiß natürlich nicht, was davon genau auf mich zutrifft, doch gehen wir einfach mal davon aus, dass alles eine gewisse Rolle spielt. Für mich steht fest, dass man auf der väterlichen Seite meiner Familie immer wieder auf Adipositas stößt und der Genuss von zu vielen Kohlenhydraten mich praktisch sofort an Gewicht zulegen lässt.
Doch gehen wir einmal davon aus, dass mein Körper dank der vielen Kohlenhydrate und des wenigen Fetts (es waren die Jahre der Fettphobie, in denen ich aufgewachsen bin), reichlich Insulin produziert hat, Fett in die Fettzellen eingelagert hat, aber nicht mehr daraus befreit hat und so effektiv die Glucose aus meinem Blutstrom entfernt, das mein Hirn Mangel, also Hunger, melden musste. Sehr vereinfacht dargestellt, erklärt es für mich doch recht eindrucksvoll, warum ich als Kind (und später auch) IMMER hungrig war und nie wirklich satt. Voll vielleicht, aber nicht gesättigt. Für mich als übergewichtigen Heranwachsenden hieß es dazu noch: weniger essen, mehr bewegen. Was zu noch mehr Notstand und Stress im Körper geführt hat.
Die Rechnung ist für mich also nicht aufgegangen. Ich wurde immer übergewichtiger und habe selbst noch von Wasser zugenommen. Heute kenne ich genug Untersuchungen, die zeigen, warum das so ist. Damals dachte ich, ich sei unzureichend, willenlos, faul und dumm. Zudem war ich schon immer ein Kind, das viel Aufmerksamkeit gebraucht hat und erst nach vielen Wiederholungen und intensiven Bemühungen lernen konnte. Für junge, berufstätige Eltern ist so ein Kind anstrengend. Als dann noch zwei Geschwisterchen dazu kamen, fühlte ich mich mit 12 Jahren zurückgedrängter denn je. In diese Zeit fallen auch schlimme Fress-Scham-Zirkel. Es schien, als würde mich nur das Erfolgsrezept der Lebensmittelindustrie, die Kombination von süß, fettig und salzig, beruhigen können, mir Frieden zu geben und Sicherheit zu vermitteln.
Die youtuberin „Mrs. Heart“ vom Kanal „A Hoarder’s Heart“ hat das in ihrem Video „DeClutter the Messy Basement Part 18 | Why a Hoarder Holds onto Trash“ wunderbar beschrieben. „Mrs. Heart“ hortet Dinge, um sich sicher zu fühlen und ihren Körper und damit ihr Nervensystem zu beruhigen. Doch jede weitere Notsituation hat weitere Dinge gebraucht. Mit der Zeit wurde dieses Vorgehen (Stress, Ungleichgewicht, Irritation = horten = Entspannung) tief in ihre Nervendatenbank eingeschrieben und so fest verdrahtet, dass sie nicht mehr darüber nachdenken musste. Etwas zu horten, war die Lösung für alles geworden, egal ob sich um Glück, Trauer, Zufriedenheit oder Unwohlsein handelt hat.
Für unser kluges und äußerst energieeffizientes Gehirn hat so eine feste Verdrahtung Vorteile. Bestehende Verbindungen brauchen weniger Energie als das Knüpfen neuer und im Zweifelsfall rettet eine direkte Verbindung Leben und schützt vor Schmerzen (zb. „Feuer = Verbrennungsgefahr“). Doch bestehende Verdrahtungen können gekappt und andere dafür angelegt werden. „Mrs. Heart“ tut das, indem sie wöchentlich ihren „Aussortier-Muskel“ trainiert und mit diesen neuen Erfahrungen ihrem Nervensystem beibringt, dass es auch ohne gehortete Dinge sicher ist. Sie hat dafür, eine für sie „sichere“ Vorgehensweise entwickelt; erst den offensichtlichen Müll aussortieren und die Dinge, die sich für sie „sicher“ anfühlen. Und Entscheidungen über mit Emotionen verbundenen Dinge, nur an „starken“ Tagen zu machen.
Für mich kann ich einfach „horten“ durch „essen“ ersetzen. Und auch ich habe Vorgehensweisen entwickelt, um meine „eat for energy not for comfort“-Muskeln zu stärken. Ein Teil davon ist meine Adipositas-OP (sozusagen als externes Hilfsmittel zur Begrenzung der Menge), mein gewonnenes Verständnis für Biologie (Was ist Insulin?), für Ess-Sucht (die wissenschaftliche und persönliche Seite davon) und für Ernährung (Kohlenhydrate machen mich dick).
Doch wie auch „Mrs. Heart“ beschreibt, ist das kein kontinuierlicher Weg zu einem minimalistischen Haushalt oder der Traumfigur, sondern ein „2 Schritte vor, 1er zurück“ in einem ständigen Auf und Ab. Und ich würde mir hier gerne ein Beispiel an „Mrs. Heart“ nehmen, die jede aussortierte Plastiktüte in ihren Videos so unterhaltsam zu feiern weiß. Doch manchmal erscheint es eben einfacher den Kopf hängenzulassen, als jeden, unscheinbaren Fortschritt als Erfolg anzuerkennen. Da bleibt mir wohl nichts andere übrig, als auch meinen „Nobody is perfect“-Muskel zu trainieren. Also, warum machen wir alle nicht einfach mal ein bisschen Unordnung und üben uns im Un-Perfekt sein?
Meine Theorie
Ursachen:
Anmerkung: hierbei handelt sich natürlich um eine stark vereinfachte Darstellung.
Mit der, für meinen Körper schlecht ausgewählten Ernährung (gemäß der offiziellen Empfehlungen: high carb-low fat und alles in Maßen) wurden meine Fettzellen auf Dauereinlagerung programmiert.
Gefühle wurden nicht adressiert und Bewältigungsstrategien schlecht gewählt.
Zusätzlicher Stress durch „weniger essen und mehr bewegen“ und die Scham, die „guten“ Ratschläge nicht erfolgreich umsetzen zu können kamen on top.
Eine lange unerkannte und unbehandelte Autoimmunerkrankung hat dem Makro- (wie Durchfall und Fettstühle) und Mikromangel (Vitamin- und Mineralstoffmangel) und der geistigen Gesundheit (das ist alles psychosomatisch) zusätzlich Schaden zugefügt.
= 192 kg Körpergewicht
Lösungsansätze:
So wenig Kohlenhydrate wie möglich, Proteinbedarf decken und Fett zum satt werden, Trigger vermeiden (Süßes (auch Süß- und Zuckeraustauschstoffe), Zusatzstoffe in Lebensmittel usw.).
Eigene Grenzen setzen und verteidigen lernen und sich dadurch der eigenen Gefühle und Wunsche wieder bewusst werden.
Aus quälenden „Sporteinheiten“ Freude an Bewegung machen.
Vitamin- und Mineralstoffmangel ausgleichen und darunter liegende gesundheitliche Probleme adressieren.
Lesetipps
Dr. Vera Tarman – Food Junkies (englischsprachige Ausgabe, über die Grundlagen von Essens Sucht).
Mehr dazu hier.
Terri Cole – Boundary Boss (englischsprachige Ausgabe, Grenzen setzten lernen)
Gary Taubes – Warum wir dick werden (mehr über die Fettzellen-Theorie zu Adipositas)
Mehr dazu hier.
Ben Bikman – Warum wir krank werden (mehr über Insulinresistenz)
Dr. Med. David Ludwigs – Nimmersatt (Warum wir Fett brauchen um schlank zu werden (und keine Kohlenhydrate)
Michael Moss – Das Salz-Zucker-Fett-Komplott (Wie die Lebensmittelkonzerne uns süchtig machen)
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