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Ich will keine Schokolade, ich will lieber ….

Ich bin kein Freund von Süßigkeiten als Geschenk, Mitbringsel oder einfach nur, um jemandem etwas „Gutes zu tun“. Und es ist nicht das erst Mal, dass ich eine Diskussion über Süßigkeiten als Geschenke geführt habe und mit meiner Meinung auf Unverständnis gestoßen bin. Das ist bedauerlich, doch verständlich, denn auch für mich war es ein langer Weg zu erkennen, was es, ganz tief in mir drinnen, mit mir macht.

Wenn ich im Folgenden „Schokolade“ meine, dann beziehe ich mich immer auf alle Arten von „Süßigkeiten“, die konventionellen aus Kohlenhydraten (Haushaltszucker, Stärke) und Fett, aber durchaus auch auf Naschwerk aus alternativen Süßungsmitteln. Mir geht es hier grundsätzlich um Süßes. Mir geht es darum, dass wir alle einmal die „süßen“ Geschenke an andere überdenken.

Süßes zu schenken oder seine Lieben mit Süßem zu versorgen ist tief in unserer Gesellschaft und in unserem Menschsein verhaftet. Das reicht wohl so weit zurück, als der Fund eines Bienenstocks und die erfolgreiche Ernte von Honig etwas so Rares war, dass man das gerne mit den Menschen geteilt hat, die einem am Herzen lagen. Einmal davon abgesehen, dass zusätzliche Kohlenhydrate immer höchst willkommen waren.

Das hatte Sinn, solange, bis die hohe Verfügbarkeit und die günstigen Preise, uns jederzeit den Zugriff auf etwas Süßes ermöglicht haben. Etwas Süßes zu schenken, hat also schon lange nicht mehr die essenzielle und wertige Bedeutung, die es für unsere Vorfahren gehabt haben mag. Süße Geschenke sind zu meist hochindustrielle verarbeitet Produkte, aus günstigen Zutaten hergestellt, für ein Leben im Supermarkt Regal und so konzipiert, dass wir ihnen einfach nicht widerstehen können (und sollen). Und auch wenn es nichts Wertvolles mehr ist und für das Überleben nicht mehr notwendig, sondern eher das Gegenteil bewirkt, der Wunsch des Menschen, unsere Lieben mit Süßem zu verwöhnen ist immer noch präsent.

Vielleicht mag das gerade noch angehen, wenn der Mensch explizit um Süßigkeiten als Geschenk bittet, doch selbst dann sollte man die Motive infrage stellen. Umso dringender, wenn es sich dabei um Menschen, wie mich handelt, die ihr Leben lang mit Adipositas oder dem Hang, sich mit Süßem zu beruhigen, zu kämpfen haben.

Warum also schenken wir einem Übergewichtigen, den wir Zeit seines Lebens (oder seines Übergewichtes) zum Abnehmen ermuntert haben, mit ihm Diäten gemacht, sein Essverhalten kritisiert oder sich um seine Gesundheit Sorgen gemacht haben Schokolade?

Ich will keine Schokolade, ich will lieber ….

Trude Herr sing 1960 in ihrem unvergessenen Schlager:

Ich gehe höchstens mit den Eltern
ein Stück spazieren ab und zu.
Mein Vater sagt: So muss das bleiben,
und dafür schenkt er mir Konfekt.

…..

Ich will keine Schokolade,
ich will lieber einen Mann.

Der Konfekt schenkende Vater, will also, dass alles bleibt, wie es ist! Auch wenn es sich in diesem Schlager darum dreht, dass der Vater nicht will, dass seine Tochter flügge wird und sich einen Freund/Ehemann sucht, so kann dieser Text auf vieles anderen übertragen werden, auf die übergewichtige fügsame Tochter, die immer für ihre Eltern da ist; nur mal so nebenbei, auch die wundervolle Trude Herr war übergewichtig.

Beispiel gefällig?

In der gestrigen Diskussion, wie auch schon in den von mir vorher getätigten Diskussionen, kamen prompt Aussagen wie: Sie meinen es doch gut, sind überfordert mit einer anderen Geschenkauswahl, haben es immer so gehalten, denken sich nichts dabei, auf.

Doch meiner Meinung nach, sind das genau die Entschuldigungen, die wir (unbewusst) den Menschen verleihen, die sich zwar daran erinnert haben, uns etwas zu schenken, doch sich nicht die Mühe gemacht haben, darüber nachzudenken, was sie uns schenken. Unser Unterbewusst sein ist immer mit dabei, wenn wir das Konfekt jener Menschen entgegennehmen, die uns immer in Sachen Ernährung, Gewicht und Disziplin belehren (oder belehrt haben) oder um unsere Gesundheit besorgt sind. Meine Großmutter war ein grandioses Beispiel hierfür.

Ich möchte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass es uns, tief in uns drin, verletzt. Man behandelt uns mit dem „Zuckerbrot und Peitsche“-Prinzip. Und weil der Mensch nun mal so funktioniert, finden wir Entschuldigen dafür. Es kann ja schließlich nicht sein, dass dieser Mensch, den ich so sehr mag, mir etwas Böses will, oder?

Gleichzeitig nehmen wir es aber auch gerne mit einem: habe ich geschenkt bekommen, kann ich nicht ablehnen, kann ich nicht wegschmeißen, muss ich essen. Das ist besonders fatal, wenn es für uns eine Art Freibrief darstellt: zum Glück müssen wir es ja nicht selber kaufen, sondern bekommen es geschenkt! Das schlechte Gewissen entfällt, denn geschenkt bekommen bedeutet, wir dürfen es essen! Zudem ist es so viel einfacher, mögliche Irritationen (der will doch das ich abnehme, warum schenkt er mir nun Schokolade?) in uns „hineinzuessen“, als ein süßes Geschenk oder die Motive des Schenkenden infrage zu stellen.

Sicher, es gehören immer zwei dazu, schließlich braucht man es ja nicht auf einmal zu Futtern, oder? Nur weil die Packung Pralinen bei uns in der Ecke verstaubt, muss das nicht bei jedem so sein. Etwas angebotenem Widerstehen zu müssen, ist immer schwieriger, deswegen, behaupte ich, stehen wir als Schenkende in der größeren Verantwortung.

Damit kommen wir zurück an den Anfang dieses Absatzes und dem perfekten Lehrbeispiel zum Thema: Gestern Abend, mein Mann bringt mir aus der Firma italienisches Gebäck mit. Er freut sich sichtlich darüber, mir damit etwas Gutes zu tun, wie er sich ausdrückt. Eigentlich möchte ich es nicht essen (a) ich habe gerade eben zu Abend gegessen und b) es ist nicht low carb). Angesichts seiner Freude sind meine Abwehrkräfte einfach dahingeschmolzen. Um es kurz zu machen, ich habe die 1 ½ Stückchen Gebäck überhaupt nicht vertragen. Wenn ich keinen Schlauchmagen hätte, bei dem das als nicht möglich beschrieben wird, dann hätte ich gesagt, dass ich ein sattes Dumping hatte. Mir ging es furchtbar und mein Mann hat mitgelitten und sich Vorwürfe gemacht.

Ich bin dann mal ... ehrlich

Mit dem Entschluss zu einer Adipositas-OP habe ich mir selber versprochen, mir und allen anderen Gegenüber ehrlich zu sein. In der Folge kommuniziere ich nicht nur meine Erfahrungen offen, sondern auch, warum ich keine Süßigkeiten geschenkt oder mitgebracht haben will. Ich verschenke auch selber keine mehr.

Ja, ich gehe sogar so weit, vorzuschlagen (um den Schenkenden drastisch klar zu machen, was ein Süßes geschenkt für mich bedeutet), dass man diese Süßigkeit doch lieber jemandem schenken soll den man nicht besonders mag (damit der die Kalorien auf den Hüften hat und nicht ich). Ich frage, ob der Schenker will, dass ich wieder so übergewichtig werde wie früher? Ja, ich gebe zu, das ist schon ein bisschen böse und nicht immer einfach – aber es ist ehrlich (zu mir selbst und dem Schenkenden gegenüber) und in den meisten Fällen auch Hilfreich für das Verständnis.

Für mich ist es viel wertvoller, wenn man Zeit mit mir verbringt, stattdessen mich mit etwas Süßes abzufertigen. Der Akt des Schenkens mag in aller Herzlichkeit und Zuneigung vonstattengehen, doch einem Alkoholiker wird man doch auch keinen Drink anbieten, oder? Warum also schenkt man einem Übergewichtigen Schokolade?

Und nein, auch ein: der kann es ja nicht wissen, dass ich ein Problem damit habe, kann ich dabei nicht gelten lassen. Denn nochmals, es geht hier um ihn, sondern um dich. Wenn der Alkoholiker nicht rückfällig werden will, dann muss er kommunizieren, dass er ein Problem mit Alkohol hat. Dasselbe gilt auch für einen Zucker-Junkie. Und, tut mir leid, aber der potenzielle Schenker braucht doch nur einmal die Augen zu öffnen und dann wird schon eindeutig, wo „meine Schokolade“ sitzt – um die Hüften nämlich!

Grundsätzlich plädiere ich dafür überhaupt nichts Süßes (und wenn wir schon dabei sind, auch keine Alkoholika) zu verschenken. In Zeiten des süßen Überflusses, von Fettleber schon im Kindesalter, chronischen Erkrankungen, Diabetes und Adipositas sollte man das keinen Menschen antun. Und was das Süße betrifft, auch nicht den Kindern. Schon gar nicht Kindern!

Auch wenn uns das die Werbung gerne einreden will, keine Schokolade der Welt kann „Merci“ sagen oder Zuneigung verschenken, das können wir nur mit unserer Aufmerksamkeit, mit Zeit zum Zuhören und zum Spielen.

Quellenangabe

Songtext aus Trude Herrs „Ich will keine Schokolade“ (Februar 1960; Philips 876 938-7), Text von Carl-Ulrich Blecher

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