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Meine 10 größten Fehler, rund um meine Schlauchmagen OP

Um für diesen Beitrag eine gefällige und nicht zu komplizierte Überschrift zu generieren, habe ich die folgenden Punkte als „Fehler“ bezeichnet. Zumeist beziehen sich diese Punkte jedoch auf völlig unerwartete Probleme, auf die ich im Vorfeld weder aufmerksam gemacht geworden bin noch, dass ich mir sie jemals als Stolpersteine auf meinem Weg hätte vorstellen können. Es waren also eher „Überraschungen“ als bewusst getroffene „Fehlentscheidungen“.

Wie schon im Beitrag zu meinen „erfolgreichsten Entscheidungen, rund um meine Schlauchmagen OP“ habe ich auch diesen Gegen-Beitrag auf 10 Punkte beschränkt.

Den Entgiftungsprozess während der Abnahme zu überschätzen

Erst sehr viel später bin ich darauf hingewiesen worden, dass mit dem Abbau des in den Zellen eingelagerten Fettes, auch (die im Fett eingelagerten) Gifte ausgeleitet werden. Mit diesem Bild einer Entgiftung ließ sich dann auch diese unglaubliche Wut begreifen, die ich in dieser Zeit gefühlt habe. Dazu kommt, dass mir das Werkzeug „Essen“, mit dem ich zuvor meine Gefühle glättet hatte, nicht mehr in wirkungsvollem Ausmaß zur Verfügung stand. Die Wucht und die Rohheit, mit der nun die Gefühle wieder auf mich eingeprasselt sind, haben mich straucheln, gleichzeitig aber auch befreit aufatmen lassen. Ich hatte schon einmal versucht, das in einem Beitrag „Wut … auf alles“ zu thematisieren.

Und obwohl ich völlig konfus war, so habe ich mich doch auch zum ersten Mal, wie ich selber gefühlt. Das ist jedoch von meiner Umwelt nicht gut aufgenommen worden. Mir wurde vorgeworfen, dass man mich nicht mehr kenne oder dass das nicht mehr die Tochter sei, die da spräche. Aber wie denn auch! Ich habe mein Leben lang Masken getragen und dafür gesorgt, dass meine Gefühle unterdrückt werden – natürlich konnte mich niemand kennen. Ich kannte mich selber ja auch nicht. Aber mein wirkliches, ehrliches und wildes Ich hat mir gefallen. Allen anderen jedoch nicht.

Die Reaktion von anderen auf den eigenen Gewichtsverlust unterschätzt zu haben

Menschen mögen keine Veränderungen. Wir sind Gewohnheitstiere, die Routinen und bekannte Muster mögen. Grund dafür ist, die Energieeffizienz unseres klugen Gehirns. Neue neuronale Verknüpfungen aufzubauen, kostet schließlich Energie.

Wenn da also jemand daherkommt, der plötzlich 100kg weniger wiegt und sich und seine Welt von Grund auf neu kennenlernen muss, dann ist der Schock vorprogrammiert. Die (in unseren Genen tief verankerte) Reaktion, die darauf folgt, ist Herabsetzung des Gegenübers, bzw. eine Angleichung an das eigene Niveau (zb. weil wir mit unserer letzten Diät nicht so erfolgreich waren): du siehst aber nicht gesund aus, pass bloß auf, dass du nicht noch mehr abnimmst oder das du magersüchtig wirst.

Mir wurden auch so sagen gesagt: jetzt hast du aber genug abgenommen oder ein du spinnst doch, du kannst doch nicht wirklich 75kg wiegen wollen? Setzt dir mal realistische Ziele und sei mit dem zufrieden, was du erreicht hast.

Erfahrung macht klug, deswegen kann ich heute damit besser umgehen. Zunächst jedoch war es der totale Schock für mich, dass man mich nun ignoriert hat, weil man mich als die Dickste in der Gruppe nicht mehr zur Verfügung hatte.

Zu unterschätzen was Süße mit mir macht

… wo ich doch immer geglaubt habe, es seien die deftigen Snacks, die mein Problem sind.

Mit meinem unbekannten wilden Ich kam dann auch irgendwann die ersten ernsten seelischen Turbulenzen. Und dann habe ich gemacht, was ich immer schon gemacht habe, ich habe zu süßen und kohlenhydratreichen Seelentröstern gegriffen. Erst nur hin und wieder, dann immer öfter. Das Ausmaß meiner Sucht nach Süße habe ich erst viele Jahre nach meiner OP begriffen. Zu lange habe ich an dem „alles in Maßen“ festgehalten, was mir von allen Seiten eingebläut wurde und nie verstanden, dass Abstinenz (von Süße und verarbeiteten Kohlenhydraten) der einzige Weg, für mich aus dem Kreislauf heraus ist.

Nicht wirklich für eine lebenslange Ernährungsumstellung bereit sein

Ich habe es zwar behauptet zu sein und in der Blase schwebend, in der ich mich für unbesiegbar gehalten habe, war es auch einfach es zu glauben. Doch die Bedeutung dessen wirklich zu verstehen, war ein langer Weg.

Noch heute habe ich meine schwachen Momente, in denen ich mich am liebsten in die Hände anderer (Pharma und Medizin) zurücklehnen möchte. Einmal nicht ständig dranbleiben müssen. Den Job andere tun lassen.

Doch leider funktioniert – heute esse ich gesund, also bin ich gesund – von einem Tag auf den anderen nicht. Von null zu perfekt – so läuft es nun mal nicht. Alles mit jedem Schritt etwas besser machen, solange bis ich mich gut damit fühle. Perfekt muss es für mich nicht mehr sein.

Eine Nachoperation kategorisch auszuschließen

Heute bin ich nachoperiert. Eine Entscheidung, die mir sehr schwergefallen ist. Wie schon meine lange vor OP „du willst doch nur den leichten Weg nehmen“-Gedanken, so schoss es mir auch hier wieder durch den Kopf, du hast es nicht geschafft, deswegen musst du nun nachoperieren lassen.

Wären da nicht noch andere Probleme gewesen (Reflux) und hätte mein Chirurg nicht in diesem neutralen Ton mit mir gesprochen, meine Erfolge gelobt und seine Vorstellungen für mich geäußert (ihr Gewicht ist noch immer recht hoch, fürs Alter würde ich sie gerne wieder unter 100kg bringen) hätte ich mich vermutlich nie dazu entschlossen.

Mich erschreckt es immer, wenn mich diese alten Gedankengänge unwillkommen überraschen. Was soll das? Habe ich es nicht endlich verdient, mir keine Vorwürfe mehr von mir anhören zu müssen?

Mir zu viele kleine Mahlzeiten angewöhnt zu haben

Während ich direkt nach der OP nur kleine Portionen essen konnte und eh das Gefühl hatte, mit allen durchzukommen, habe ich die 3-4 Mahlzeiten für mich nie etabliert. Ich habe gegessen, wann immer ich wollte.

Damit war zwar eine Weile alles gut, doch mit der größer werdenden Essensmenge und mit einer immer moderater low carb werdender Ernährung wurde die ständigen Mahlzeit-Snacks zum Problem. Nach Hunger oder Bedarf zu essen, also quasi intuitiv, funktioniert für mich nur, wenn ich sehr strikt darauf achte, mich sehr „clean“ und einfach zu ernähren, Kohlenhydrate zu reduzieren und Protein und Fett auf meinem Teller zu bevorzugen. Doch „clean“ ist eben nicht immer so einfach, siehe: die Verlockungen der Süße.

Alle 1/2 Stunde wieder etwas essen können, wird als eines der großen Probleme eines (lang-operierten) Schlauchmagens aufgeführt. Zwar ist dieser relativ schnell „voll“, doch ebenso zügig auch wieder leer.

Die eigene Körperwaage erst zu spät weggeworfen zu haben

Ja, sicher, nach der OP war es mir eine große Befriedigung, die Zahl auf der Waage immer kleiner werden zu sehen. Trotzdem habe ich ihr viel zu lange Unterkunft gewährt und ihre Macht über mich vor mir selber kleingeredet. Es hat sehr lange gedauert und es war ein schmerzhafter Prozess mich endlich von ihr zu befreien. Mein Rat: Tschüssikowski! Weg mit dem Teil. Siehe dazu auch „Die lügende Bodenschlampe

Keine Bekleidung, in anderen Größen behalten zu haben

Das hier ist ein schwieriger Punkt. Und ich gebe es zu, dass ich ihn, je nachdem, wo ich gerade stand, mal so und mal so ausgeführt habe. Tatsächlich finde ich, dass es gute Argumente dafür (meist ökonomische und nachhaltig), wie dagegen (psychologische) gibt, Bekleidung in verschiedenen Größen im Kleiderschrank zu behalten.

Stand heute und rückblickend würde ich ökonomische und nachhaltige Gründe hervorheben. In den Jahren meiner Abnahme habe ich mir so schöne Teile zugelegt, die ich immer nur für kurze Zeit habe tragen können und schnell wieder aussortiert habe, aus Angst sie könnten mich mit einer Art Fluch belegen, der mich wieder zunehmen lässt.

Als die Wiederzunahme dann tatsächlich kam (und meine Erfahrung und unzählige Studien sprechen dafür, dass es zu einer gewissen Wiederzunahme nach Tiefststand kommt) bin ich erneut losgezogen Bekleidung zu kaufen.

Ich habe mich nach dieser Erfahrung dazu entschlossen ausgesuchte Teile aufzuheben und zumindest in einer rudimentären Ausstattung 3 Kleidergrößen bereit zu halten. Davon profitiere ich im Moment, wo ich wieder etwas an Abnehmen bin.

Ich bereue jedoch nicht, dass ich die sehr großen Größen tatsächlich nicht aufgehoben zu habe; bis auf eine Hose und ein T-shirt als Demonstrationsobjekt. Trotz der Wiederzunahme war ich mir einfach sicher, diese sehr großen Größen nie wieder erreichen werde.

Zu lange zu dogmatisch bei der Ernährung oder im Sport gewesen zu sein

Dogmatisch zu sein hat mir am Anfang geholfen. Das Festklammern an „du musst-Regeln“ oder die Einteilung von Lebensmittel in mein persönlich definiertes „Gut“ und „Böse“ war zur Orientierung von großer Bedeutung für mich. Doch im Laufe der Zeit bin ich mehr und mehr dort gestrauchelt, wo ich nur „schwarz“ und „weiß“ zulassen konnte. Erst als ich mich mit dem Festhalten an Dogmen tief in ein Motivations-Loch hineingearbeitet hatte, fing ich an zu verstehen, dass es zwar ein guter Einstieg für mich war, mir jedoch der Plan zum Runterfahren auf Erhaltungsstatus gefehlt hat. Was mich zur richtigen Zielsetzung bringt.

Eine starke Zielsetzung

Ich hätte ja gerne 75kg erreicht. Ich habe mich jedoch nicht getraut, weil mich jeder vor zu hohen Erwartungen gewarnt hat. So hat es am Ende auch nicht viel gebraucht, es mir wieder auszureden, siehe: „du spinnst doch, du kannst doch nicht wirklich 75kg wiegen wollen? Setzt dir mal realistische Ziele und sei mit dem zufrieden, was du erreicht hast“.

Doch nehmen wir einmal an, ich hätte mein Zahlen-Ziel von 75 kg erreicht. Was wäre dann gewesen? Es ist keine unbekannte Tatsache, dass dem Erreichen eines Zieles, auf das wir so lange hingearbeitet haben, in der Regel eine Depression folgt. Einer der Gründe dafür ist, dass das erhoffte Glücksgefühl immer nur von kurzer Dauer ist. Und was ist das überhaupt mit dem Glück? Das scheint immer woanders zu sein als ich.

Ich bin ihm trotzdem nachgejagt. Dabei bin ich davor tatsächlich gewarnt worden: Stelle Gesundheit und Wohlbefinden vor ein Ziel auf der Waage. Ich habe mich dabei so erschöpft, ausgelaugt und hochgradig gestresst, dass ich eine Zeit lang innerlich förmlich vibriert habe. Meine Schilddrüsenwerte aus dieser Zeit spiegeln das wider. Egal was ich auch in dieser Zeit unternommen habe, mein Gewicht ging wieder in die andere Richtung. Es hat Jahre gedauert, bis ich mein damaliges Zahlen-Ziel für mich umdefiniert hatte, siehe dazu auch „Das neue 75

Erfolg entsteht nicht nur dadurch, so habe ich gelesen, dass wir ein Langzeitziel fest im Blick haben, sondern durch die Konsistenz jeden einzelnen Tag die Aufgaben dafür auf der Checklist abzuarbeiten. 30 min Spaziergang. Check! Geflügel statt Pommes gegessen. Check! Wasser statt Cola getrunken. Check! Um 22 Uhr ins Bett gegangen, satt den langweiligen Film noch fertig zu schauen. Check! Mit jedem Harken auf der Checklist können wir Tag für Tag verlässliche Siege feiern, die die Basis einer positiveren Einstellung zu uns selber bilden.

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