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[Status quo] – Juni 2021, 7 Jahre nach OP

Vor kurzem war ich zu einem Termin in einem Zentrum für Postbariatrische Chirurgie und Ästhetik. Dorthin hingetrieben hat mich eine Entzündung im Bereich meiner Bauch-Hautlappen, die ich seit Wochen einfach nicht in den Griff bekomme. Parallel dazu habe ich auch einen Hautarzt-Termin angefordert, das Zentrum war jedoch wesentlich schneller. Der Hautarzt-Termin steht erst im August 2021 an und vermutlich wird bis dahin die Entzündung weg sein – war bisher immer so.

Es war ein positiver Besuch für mich, bei einem sympathischen und professionellen agierenden Chirurgen, in einem angenehmen Klima. Und doch hat mich dieser Tag belastet, weil er mir einen unverstellten Blick auf mich und meine Situation gewehrt hat. Denn, obwohl ich auch 7 Jahre nach meiner Adipositas-OP immer noch einen 80kg-Gewichtsverlust angeben, die Operation defacto also als Erfolg verbuchen kann, so war es doch auch schon einmal deutlich mehr. In den letzten Jahren, genauer gesagt seit Februar 2017, gab es gewichtstechnisch nur noch einen Weg für mich, nämlich nach oben.

Es dürfte nicht verwundern, dass ich angesichts der sprichwörtlichen nackten Tatsachen in ein Loch von komfortabler Tiefe gefallen bin; diese Sache mit emotionalem Management habe ich immer noch nicht wirklich darauf. Dass ich, in der Folge nicht essenstechnisch eskaliert bin, mache ich an drei Dingen fest: a.) meinem Vertrauen auf eine ketogenen Ernährung, die Heißhunger keinen Raum bietet, b.) einem zufälligen Gespräch mit einer unerschütterlich treuen Freundin, der ich mein Leid klagen konnte und die instinktiv so reagiert hat, wie ich es gerade gebrauchte habe und c.) meinem Schlauchmagen. Denn auch 7 Jahre nach OP ist ein Fressanfall mit Schlauchmagen immer noch unbefriedigend, weil schlicht nicht so viel auf einmal reinpasst.

Gewicht

Im Herbst 2013, mit meinem Höchstgewicht von 192kg, habe ich für mich erkannt, dass ich etwas ändern muss und mich in die Vorbereitungen zu einer Antragstellung zur Kostenübernahme einer Adipositas-OP bei meiner Krankenkasse gestürzt. In der Folge habe ich einige sehr erhellende Untersuchungen hinter mich gebracht, die mir ua. schlechte Blutwerte und diverse Nährstoffmängel diagnostiziert haben. Bis in den Januar 2014 hatte ich nicht nur angefangen Vitamine und Mineralstoffe zu supplementieren, sondern auch damit mich wieder gezielt (sportlich) zu bewegen (Aqua Jogging, Spazieren gehen) und in eine low carbe Ernährung einzusteigen.

Im Frühjahr wurde meinen Antrag zur Kostenübernahme einer Adipositas-OP stattgegeben und ich wurde im Juni 2014 mit einem Schlauchmagen operiert. Grund für die Entscheidung zu einem Sleeve war meine vorliegende chronische Darmentzündung. Eine low carb Ernährung war für mich zu dem Zeitpunkt bereits zum Alltag geworden und hatte nicht nur erste gesundheitliche Erfolge mit sich gebracht, sondern sich auch positiv auf mein Gewicht ausgewirkt, sodass ich mit 180kg in die OP gestartet bin.

Etwa zwei Jahre lang, bis in den April 2016 hinein, habe ich kontinuierlich Gewicht verloren. Um 97kg zu erreichen habe ich nichts tun müssen. Das Gewicht ist sprichwörtlich von mir abgefallen. Ich hatte keinen Hunger und keinen Heißhunger. Nur Honeymoon. 16 glorreiche Monate lang.

Mit meinem heutigen Wissensstand und Erfahrungsschatz, wäre das vermutlich der perfekte Zeitpunkt gewesen, mit einer „Reverse Diet“ anzufangen. Also die Kalorien und Essensmenge gezielt auf ein Erhaltungslevel hochzufahren, den durchlaufenen Entgiftungsprozess emotional zu verarbeiten, meinen neuen Körper kennenzulernen und beim Kraftsport einfach nur Spaß zu haben.

Doch weil ich mich so unbesiegbar gefühlt habe, wollte ich zu diesem Zeitpunkt nichts davon wissen. Stattdessen habe ich mich darauf fixiert so viel wie möglich Abstand zu der 100 auf der Waage zu bringen. Ich habe angefangen klassisch zu Diäten, Kalorien zu zählen und ein mörderisches Sportprogramm zu fahren. Es war ein bisschen ein rauf und runter nötig, aber im Februar 2017 hatte ich es auf 86kg geschafft.

Der Rest des Jahres 2017 war mental und körperlich zermürbend. Ich habe mich ausgebrannt gefühlt und energielos und konnte das Gewicht (+/- 5kg) nur gerade so halten. Ich bestand nur aus Wut und bin weder mit mir noch mit meiner Umwelt zurechtgekommen. Ich konnte zusehen, wie mir die Situation entglitt und im Januar 2018 lag mein Gewicht bereits wieder über 100kg. Seitdem habe ich eine zweistellige Zahl auf der Waage nie wieder gesehen.

In den folgenden drei Jahren ist mein Gewicht sprungweise gestiegen und je mehr ich „gestrampelt“ habe, umso schneller ging es nach oben. Bei meinem 2021 Juni-Termin beim Chirurgen hat die Waage 113kg gezeigt.

Das Fazit nach 7 Jahren: 106kg Abnahme, davon 27kg Wiederzunahme und damit der richtige Augenblick dafür, mir, die unabhängig voneinander wiederholten Aussage diverser Adipositas-Chirurgen in Erinnerung zu rufen: Den „Erfolg“ einer Adipositas-OP bestimmt vor allem, das Alter des Patienten (47 Jahre alt), das Geschlecht, den Zeitraum des (morbiden) Übergewicht vor OP (mein BMI lag seit 33 Jahren jenseits der 30) und das Startgewicht vor OP (192kg). Je jünger der Patient und je kürzer der Zeitraum des Übergewichtes, desto erfolgreicher die OP.

Ernährung

Wie bereits erwähnt habe ich im Januar 2014 mit einer low carb-Ernährung angefangen und konnte damit schnell gesundheitliche Besserung erfahren. Meinen Einstieg ins low carb habe ich schleichend gestaltet. Mit dem Ziel bald die größten Kohlenhydratquellen aus meiner Ernährung gestrichen zu haben, verlief meine Umstellung fließend, ohne Umstellungsprobleme und ohne Rückfälle. Unterstützt durch meinen damals noch „jungen“ Schlauchmagen und ein fehlendes Hungergefühl bin ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen etwas anderes essen zu wollen, als dass ich mir selber low carb nachgebaut habe. Meine damaligen Versuche mit einer ketogenen Ernährung verliefen in der Regel ins Leere. Wobei es dafür auch eigentlich keinen Grund gab, es lief ja alles.

In den ersten zwei Jahren nach OP habe ich keine Kalorien gezählt, aber hin und wieder meine Proteinmenge getrackt, um sicherzustellen, dass ich damit gut versorgt war. Ansonsten habe ich gegessen was ich wollte, wann ich wollte und was ich wollte (innerhalb der Auswahl einer low carben Ernährung versteht sich!). Ich habe jedoch die ersten 4 Jahre nach OP von einem Kinderteller und mit Kinderbesteck gegessen. Für mich persönlich war diese Entscheidung hilfreich. Da ich nach wie vor die Tendenz habe zu schnell zu essen und zu viel auf einmal auf meine Gabel zu häufen nutze ich heute noch immer mal wieder mein Kinderbesteck. Auf den Kinderteller verzichte ich jedoch mittlerweile.

Zuerst habe ich es gar nicht wahrgenommen, doch bereits in meinen Diät-Phasen hin zu den 86kg habe ich angefangen vermehrt auf Kohlenhydrate zurückzugreifen. Was zunächst zum Kaloriensparen anfing und was ich mir später dann als „brauche ich zum Training“ eingeredet habe, führt im Jahr 2017 nach und nach zu einer Gemüsereichen, vegetarischen Kost, später dann zu einer veganen Ernährungsphase. Weil das doch alles „so gesund“ war, so „ethisch sauber“ und „so kalorienarm“ war, wollte ich es lange nicht wahrhaben, dass mir eine solche Ernährung nicht guttat. Mein Gewicht stieg und stieg und mein Verdauungssystem war auch nicht gerade begeistert.

Anfang 2020 habe ich die Gelegenheit wahrgenommen an einer Aktion der Ernährungsberaterin Daniela Pfeifer teilzunehmen und wieder ins low carb einzusteigen. Nachdem ich im Kurs wieder einmal auf das Protein-Thema gestoßen worden war und erkannte, wie desaströs es um meinen Proteinbedarf stand, auf dessen gute Standards ich immer so stolz war, habe ich wieder angefangen der tierischen Proteinquelle auf meinem Teller den Vorzug zu geben, so wie ich es 2014 nach OP gelernt hatte.

Der Wiedereinstieg war für mich völlig unproblematisch und es war fast so ein bisschen wie nach Hause kommen. Anders als bei meinem Einstieg 2014 blieb jedoch der positive Einfluss auf mein Gewicht aus. Auch die Sättigung fehlte mir und ich habe weiter zugenommen, obwohl ich dasselbe gemacht habe, wie die Jahre 2014 bis 2017. Wegen des Gewichts und der immer noch anhaltenden gesundheitlichen Probleme habe ich im September 2020 beschlossen eine Carnivore Ernährung auszuprobieren, um schließlich bei einer „dirty keto“-Ernährung zu landen; in beiden Fällen nicht die klügste Entscheidung.

Nach einigem Herumschlingern, viel Recherche und noch mehr ausprobieren scheint es nun erstmals wieder aufwärtszugehen. Aktuell konzentriere ich mich auf eine saubere ketogene Ernährung (jenseits aller Nachbauten) und ich habe den Eindruck einem intuitiven und entspannten Umgang mit Ernährung (einmal von der Honeymoon-Phase nach OP abgesehen) noch nie so nah gewesen zu sein. Zum ersten Mal erahne ich was „eat for energy, not for comfort“ wirklich bedeutet.

Gesundheit

Meine Verdauungsproblematiken reichen bis in meine Jugend zurück und haben sich nach meiner Morbus Crohn Diagnose und meiner Ileumresektion im Jahr 2009/10 auch nicht wirklich gebessert. Je weniger Kohlenhydrate ich verzehre, desto besser fühle ich mich und umso besser kann ich meine Verdauungsprobleme händeln. Zum Erliegen gekommen sind sie jedoch bisher nicht. Immerhin, meine chronische Darmerkrankung befindet sich seit 2010 in Remission.

Im Zusammenhang mit meinem Schlauchmagen hatte ich bis letztes Jahr keine bedeutenden Probleme. Die Abnahme hat mir zweimal einen Nabelbruch beschert, der zweite ist bisher nicht operiert und ich habe mitunter stichartige Schmerzen im linken Bauchraum, die ich bisher nicht habe untersuchen lassen.

Bis in den Sommer 2020 konnte ich gelegentlichen Reflux stets meiner eigenen Dummheit zuschreiben, wenn ich mich direkt nach dem Essen hingelegt habe. Dann jedoch nahm die Problematik zu und im Dezember 2020 wurde bei mir Reflux (Sodbrennen), eine Ösophagitis (Speiseröhrenentzündung) und Typ C Gastritis (Magenentzündung) diagnostiziert. Ich freue mich darüber, dass das Aufstoßen heute weg ist (womit ich vermutet, dass die Gastritis abgeheilt ist), doch der Reflux, wenn auch reduziert und nicht mehr als Brennen hinterm Brustbein spürbar, sondern im Hals, ist mir jedoch geblieben. Mehr dazu hier: Ich und GERD

Bei meinem Versuch einer auf tierischen Produkten basierenden Ernährung aus dem September 2020 bin ich in eine Histaminintoleranz gelaufen, die sich bei mir mit Migräne äußert und in Elektrolyte-Probleme, die ich bis heute nicht ganz im Griff habe. Nach intensiver Recherche, und noch mehr Fragen, beginne ich heute zumindest ansatzweise die Zusammenhänge zu verstehen.

Supplemente

Aufgrund vorhandener Mängel habe ich das Thema Supplemente schon vor der OP sehr ernst genommen und bis heute konsequent verfolgt; hier ein Beitrag aus dem Jahr 2014: Vitamine, Mineralstoffe & Co. Auch 7 Jahre nach OP lasse ich immer noch jährlich ein großes Blutbild machen, wenn ich auch seit ein paar Jahren nicht mehr zum Follow up im Krankenhaus war.

In den ersten Jahren habe ich mich sehr genau an die Empfehlungen meines Adipositas-Zentrums gehalten. Doch mit den Jahren des Ausprobierens und Experimentierens war meine Supplementation im Sommer 2020 dann doch ein wenig aus dem Ruder gelaufen. Vor einem Jahr habe ich dann einen radikalen Schnitt gemacht und auf ein vorgefertigtes Schlauchmagen-Supplement umgestellt. Mehr dazu hier: take your vitamins.

Bewegung

Bereits vor der OP habe ich eine Anweisung von meinem damaligen Professor verinnerlicht, bewege dich täglich 30 min, sodass du dabei leicht ins Schwitzen kommst. Das war zunächst nicht schwer, mit 192kg haben mir 5 min. auf dem Ergometer dazu gereicht, einkaufen gehen oder um den Wohnblock auflaufen. Dann war ich zum Glück in der Lage einen Aquajogging-Kurs, in einem für den Besucherverkehr geschlossenen Schwimmbad zu finden. Dort mit meinen alten Damen planschten zu können, war genau die geringe Einstiegsschwelle, die ich brauchte. Den Kurs habe ich über ein Jahr vorgeführt, bis ich in eine andere Stadt zog.

Im Herbst 2014, mit Erreichen der 150kg, habe ich mich im örtlichen Fitness Studio angemeldet. Seitdem bin ich im Studio aktiv, auf dem Laufband, Crosstrainer, Gerätetraining und später dann Training mit freien Gewichten. Dazu sind wir nahezu jede Strecke zu Fuß gelaufen, regelmäßig im Odenwald Nordic Walken gegangen und in den Bergen gewandert. Im Februar 2017 war ich, bedenkt man meine Herkunft, auf einem sehr hohen Fitnesslevel. Ich war an 5 Tagen die Woche beim Krafttraining und habe täglich 10.000 Schritte gemacht. Ich war fit, wirklich fit. Und das war fantastisch. Mehr dazu hier: Anke und Sport

Doch wie mein Gewicht, so war auch mein damaliges Sportpensum auf Dauer nicht haltbar und mein sportliches Engagement verlief konträr diagonal zu meinem steigenden Gewicht. Ich hatte zwar weiterhin meinen Spaß im Studio, doch wesentlich unorganisierter und damit entschieden ineffektiver. Und dann kam die Pandemie und hat in ihrem Verlauf meiner sportlichen Betätigung den Todesstoß erteilt. Mehr dazu hier: Heimtraining

Nach meinem Blick auf die nackten Tatsachen vom Juni 2021 habe ich wieder angefangen mich zu berappeln. Meine Muskeln scheinen zwar zu wissen, was von ihnen verlangt wird, die Bewegungen fühlen sich also familiär an, trotzdem ist es wieder einmal ein mühsamer und schmerzhafter Einstieg.

Status quo

Nach meiner Einschätzung von heute, habe ich 7 Jahre nach OP 10-15 kg zu viel, um mich wohlzufühlen und 25kg, um mich fantastisch zu fühlen. Nicht nur, dass es mir mit den Kilos zu viel an Beweglichkeit und Fitness mangelt, ich habe in dieser Gewichts-Klasse auch wieder vermehrt Probleme mit Hautentzündungen. Mein Verdauungssystem hat immer noch so seine Probleme, doch den Reflux würde ich aktuell als mein vorwiegendes Problem beurteilen. Trotzdem, auch 7 Jahre nach OP sehe ich mich immer noch in der glücklichen Lage lediglich auf hohem Niveau klagen zu können.

Im Gegensatz dazu erscheint mir die Arbeit an meinen seelischen und mentalen Problemen weitaus schwieriger. Gefühle anzunehmen, zu äußern und nach Bedarf auszuleben fühlt sich für mich immer noch fremd an.  Aber auch hier habe ich in den letzten 7 Jahren zu einer für mich bisher unbekannten Aufmerksamkeit und Verständnis für mich gefunden. Die Verachtung und das elende Selbstmitleid, die die Anke von damals für sich gefühlt hat, hat Platz für ein verständiges Mitgefühl gemacht.

Ich fühle Dankbarkeit. Dankbarkeit für 7 aufregende und ehrfahrungsreiche Jahre und Dankbarkeit für meinen Schlauchmagen. Es mag zwar manchmal harken, doch wir zwei kommen gut zurecht und ich habe meine Entscheidung bisher keinen Tag bereut. Natürlich hätte ich mir gerne einige Erfahrungen aus den letzten Jahren erspart und würde heute klüger und weiser gerne noch einmal am Anfang stehen – und doch sind wir nichts ohne die Summe unserer Erfahrungen.

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